“Am Anfang war das Wort”, steht es in der Bibel geschrieben, und Hitler sagte: “Jede große Bewegung auf dieser Erde verdankt ihr Wachsen den großen Rednern.” Dass Sprache ungeheure politische Macht ausüben kann, hat sich allmählich herumgesprochen. Nur: Gewinnen kann nur einer.“Sprache”, schrieben 2002 John Collins und Ross Glover, “ist eine terroristische Organisation.” Diese These in der Einleitung ihres Buches “Collateral Language: A User’s Guide to America’s New War” ist als direkte Reaktion auf die patriotisch-militante Rhetorik zu verstehen, die sich in den USA in Folge der Attentate des 11. September 2001 breit machte.

Sprache und Gewalt

Für viele Amerikaner mag diese These ungemütlich klingen. War nicht die eigentliche terroristische Macht von den Schurken ausgegangen, die sich unter dem Deckmantel der Al-Qaida-Vereinigung formiert hatten? Und wie kann Sprache mit Terror gleichgesetzt werden? Realer Terror und reale Macht wirken vor allem physisch, ökonomisch oder rechtlich auf Menschen ein und dominieren sie. Zu behaupten, Macht und Herrschaft würden sich rein über die Sprache äußern, wäre schlichtweg falsch. Das weiß jeder Soziologe und Linguist.

Dennoch spiegelt das Zitat die Befürchtungen und Warnungen vieler Linguisten, Journalisten, Soziologen und Philologen überall auf der Welt: Vor den Folgen des “Falschwörterbuches”, an dem die US-Regierung seit dem Beginn ihres scheinbar ewigen Krieges gegen den Terror schreibt. Mit gezielten Methoden kann Sprache entweder Angst auslösen oder die Akzeptanz für weitere Gräueltaten ebnen. Vor allem, wenn sie nicht vor der Weltöffentlichkeit legitimiert waren. Deswegen fälschen inzwischen Bush und seine Gefolgsleute nicht nur Fakten – wie der Schriftsteller, Publizist und Theaterleiter Ivan Nagel am 19. Februar 2003 im Feuilleton der “Süddeutschen Zeitung” schrieb -, sondern vorrangig die Wörter.

Machtmissbrauch

An erster Stelle werden die Wörter für Krieg manipuliert und gesäubert: Aus der “Kriegsvorbereitung” in Kuwait wurde eine “Drohkulisse”, die Invasion der US-Streitkräfte wurde als “Entwaffnung” und “Vorbeugung” bezeichnet, die nicht dem “Krieg”, sondern dem “Weltfrieden”, der “Befreiung” (statt “Besetzung”) und der “Sicherheit”, nicht der “Ölwirtschaft” dient. Mit solchen und ähnlichen Metaphern und mit Hilfe der Medien, die diese unkommentiert weitergeben, versucht die US-Regierung, die Welt sprachlich von der Legalität ihrer Kreuzzüge zu überzeugen – oder von der Illegalität dieser abzulenken. Der Machtmissbrauch wird konsequent mit Sprachmissbrauch untermauert.

Wie effektiv solche Strategien sein können, zeigte auch der direkte Vergleich zwischen der Rhetorik des beinahe wahnsinnig anmutenden irakischen Informations- beziehungsweise Propagandaministers Saeed al-Sahaf und der kühl-kalkulierenden, forciert sachlichen Sprache der US-Militärs. Es war, als ob zwei Propagandagenerationen aufeinander trafen: Die Bush-Sprachdoktrin gegen Saddam Husseins diktatorische Rhetorik, die den Menschen keine andere Wahrheit erlaubte. Und in der Person al-Sahafs erstand für eine kurze Zeit die Sprache das Dritten Reichs auf.

Lingua Tertii Imperii

Wie der Philologe Victor Klemperer in seinem Buch zur Sprache des Dritten Reichs “LTI (Lingua Tertii Imperii) – Notizbuch eines Philologen” 1947 ausführte, basierte die Sprache des Nationalsozialismus auf einen Fanatismus des Glaubens. Wie al-Sahafs Versuche der Gehirnwäsche war Hitlers Sprache eine arme, die sich auf Superlative (alles ist “total”), und Bewegung (es wird “entjudet” und “aufgenordet”) stützte. Wo die US-Militärs immer wieder von ihren Truppen und den irakischen Zivilisten redeten und somit dem Krieg ein Gesicht gaben, beschwor al-Sahaf die Macht des beinahe übermenschlichen Saddams und “entpersönlichte” wie die Nazis dadurch den einzelnen. Der irakische Soldat war höchstens ein Automat Saddam Husseins.

Glaubwürdigkeit verloren

Dass sich also der Großteil der Iraker den “Befreiern” ergab, darf nicht wirklich wundern. Hätte Saddam Hussein – wie sein Widersacher Bush – früher und umfassender den Krieg rhetorisch vorbereitet, dann wäre ihm eine Herauszögerung der Niederlage womöglich gelungen. Aber wie Hitler hatte er einen überzogenen sprachlichen Terror als politisches Mittel zum Zweck eingesetzt und somit, global als auch im eigenen Land, jegliche Glaubwürdigkeit im Propagandagefecht verspielt. Für Saddam Hussein ist die Schlacht nun zu Ende.

Für Bush hingegen fällt jeden Tag ein neuer Krieg der Wörter an – solange der scheinbar endlose, globale Krieg gegen den Terror andauert. Die nächsten Schlachten sind ja schon in Sicht; das neue Vokabular wird Bush vermutlich in beiden Fällen gut zu Nutze kommen.

Publication fluter.de
Date 30-04-2003
Industry Media
Link Wenn Sprache regiert