“Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.” So beginnt 1996 der Soziologe Niklas Luhmann seine Analyse der “Realität der Massenmedien”. Acht Jahre zuvor behauptete der amerikanische Linke Noam Chomsky, die Massenmedien würden in ihrer Berichterstattung einen Konsens zugunsten der herrschenden Eliten fabrizieren. Kaum zu glauben, dass damals – als das Internet noch in Kinderschuhen steckte und TV die Welt der Medienkritiker regierte – noch die Rede von Meinungsvielfalt war. Aber so waren die Zeiten halt vor den Blogs: Für alternative Nachrichtenquellen waren außer Fanzines, Amateurfunk und Piratensendern kaum Platz. 

Journalismus 3.0

Kein Wunder, dass sich die Internet-Welt plötzlich für das Phänomen Blog – die Kurzform für Weblog – so interessiert. Sie sind die Neuauflage der ursprünglichen Utopie des World Wide Web. In den Worten eines Kommentators der Online-Zeitschrift telepolis: “Jeder kann, jeder darf”. Und um es weiterzuspinnen: Jeder muss. Im Gegensatz zum Online-Journalismus, wo sich Marktführer wie spiegel.de oder washingtonpost.com weitgehend auf herkömmliche Nachrichtenkanäle stützen, brechen diese Ich-Magazine mit der Infrastruktur der Chefredakteure und Nachrichtenkonferenzen. Mit meist kostenloser Software und keinerlei Programmierkenntnissen kann jeder in fünf Schritten sein eigener Mini-Murdoch werden.

In den Geschichtsbüchern des Netzes werden Blogs bis 1997 zurückverfolgt. Zu den berühmtesten Blogs aus dieser Vorgeschichte zählt der Drudge Report. Der Verfasser Matt Drudge hatte auf seiner Seite die saftigsten Details aus dem Protokoll einer Sonderermittlung zur Clinton-Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky hochgeladen und kommentiert. Beinahe hätte er den US-Präsidenten um seinen Posten gebracht. Dementsprechend hat das Modell Schule gemacht. In Deutschland peppte die kurzlebige Internet-Zeitung “Thema 1” hemmungslos jede Schlagzeile auf, die die Berufsblogger aus der Redaktion in die Finger kriegten. Und in jüngster Vergangenheit sorgte die Webseite dotcomtod.de für New-Economy-Nachrufgerüchte und für Furore, wies damit aber auch auf das Problem der steigenden Anzahl an Blogs hin. Immer häufiger stellt sich die Frage, was denn heutzutage alles Blogs sind.

Streng genommen sind Blogs Internet-Logbücher, in denen ein Surfer seinen “Surf-Kurs” protokolliert. Dazu kommt noch ein Kommentar oder eine Bewertung der Site, die erwähnt wird. Wie mit allem im Netz reichen die Themen, so weit Tastatur und Bildschirm erlauben: von gastronomischen Verschwörungstheoretikern bis zu literarischen Perlentauchern alles dabei. Eines haben alle Blogs gemeinsam: In ihrer Auswahl gelesener Websites nehmen sie vorweg, dass wir soviel im WWW surfen, dass wir keine Zeit mehr haben, das zu lesen, was dort steht, wo wir hingesurft sind. 

Wir schreiben alle ins tagebuch.de

Formal gesehen setzt allerdings allmählich eine Verflachung ein. Wo früher der puristische Blog-Begriff für ein kommentiertes Linkverzeichnis stand, stoßen jeden Tag neue Formen dazu. Anstatt sich auf die ursprünglichen Formen des Ein-Mann-Politforums oder der kollaborativen News Communities wie paranews.org zu besinnen, schreiben sich inzwischen die provinziellsten kommunalen Tagebücher den Terminus Blog fälschlicherweise auf die Brust. So findet der Surfer vielleicht auf pasta::log schön viele kulinarische Blüten, nur Kommentare zu Websites wird er vergebens suchen.

Aber vielleicht darf man das Ganze nicht so eng sehen: Fassen wir nicht vieles in unserer von Medien imprägnierten Welt als Link zu weiteren Erfahrungshorizonten auf, selbst in der Offline-Welt? Was das Bloggen gerade für den Leser und den Macher so interessant macht, ist die Selbsterfahrung. Du bist, wohin du surfst. So wird für einen Heavy-Surfer der Blog natürlich zum Abbild seines Lebens. Aber – wie es nanoblogg.de, die Seite für Minimales, in einem ausgewogenen Verhältnis von Online- und Offline-Referenzen demonstriert – spiegeln diese Logbücher nur die Gesamtheit unserer Erfahrungen wieder. Und damit können sich die “großen” Massenmedien sowieso nicht beschäftigen…

Publication fluter.de
Date 28-8-2002
Industry Media
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