Mit abgedunkeltem Gesicht und verzerrte Stimme erklärt Banksy, notorischer Street Art bzw. Graffitikünstler und Anti-Protagonist seines ersten Kinofilms “Exit through the Gift Shop”, worum es ihm geht: “Früher habe ich jeden dazu ermuntert, Kunst zu machen. Ich dachte jeder soll’s machen. Aber heute weiß ich nicht mehr so recht, ob ich dazu stehe.”

Es ist die Art Einstellung, die normalerweise in Dokus und Fernseh-Interviews für Täter oder Opfer gedacht ist. Für Leute, die sich vor Rache-Aktionen fürchten oder auf der Flucht sind – vor dem Gesetz oder ihresgleichen. Und bei Banksy trifft irgendwie auch beides zu. Nicht nur, weil ihn die Staatsgewalt – vorwiegend die Metropolitan Police in London – am liebsten vorladen würde (wenn sie nur wüssten, wer hinter seiner Maske steckt). Wer bei “Exit through the Gift Shop” genau hinguckt, wird auch erkennen, dass Banksy hier eine Beichte ablegt. Sich der Jury stellt und für den Sündenfall der Street Art Szene verantwortlich zeichnet. Wie gesagt, man muss aber aufpassen, denn sonst fühlt sich “Exit through the Gift Shop” in weiten Strecken eher wie “The Great Rock’n’Roll Swindle” an: Die große Entlarvung der Ausbeutung von Street Art und der systematischen Monetarisierung ihrer Werke nach allen Regeln der Kunst(-märkte).

Den Vorwand zur “ersten maßgeblichen Dokumentation der Street Art Szene” wie es großspurig heißt, liefert Banksys Begegnung mit dem französischen Thierry Émigré, ein besessener Filmer, der keine Filme macht, sondern nur filmt und filmt und filmt. Als er über seinen Cousin, dem Künstler Space Invader, die Guerilla Art Szene kennen lernt, ist es wie eine Offenbarung. Seine Filmerie bekommt einen Sinn. Ganz von dem ästhetischen Reiz dieser neuen Kunst angetan, tastet sich der Zwangsfilmer peu à peu durch die Reihen der Sprüher und Guerillakünstler vor. Seite an Seite mit den Künstlern steht er und dokumentiert akribisch jede Sekunde in dem Entstehungsprozess der Szene und ihre Entwicklung. Wie Künstler Shepard Fairey sagt, “Er war schon lange kein Filmer mehr, sondern Komplize.” Thierry ist dann der erste überhaupt, der Banksy bei der Arbeit filmen darf. Nach all den Jahren verspürt Banksy so was wie Nostalgie für seine kurzlebigen Werke. Er sieht in Thierrys Dokumentationsobsession die Chance, etwas von seinem Oeuvre festzuhalten – was auch bisher für den Kunst-Business alles andere als greifbar war.

An diesem Wendepunkt wird aus der Doku “Exit through the Gift Shop” die Satire “Exit through the Gift Shop”. Die Wendung markiert auch den Eintritt der Szene in die Galerien und Auktionshäuser. Es ist aber auch der Punkt an dem der Beobachtete, Banksy, zum Beobachter wird. Und wo der Sammler, Guetta, zum Produzenten, Mr. Brainwash, wird, der selber vor die Linse rückt. Auf Anraten von Banksy fängt Guetta selber mit der Kunst an, nur ahnt Banksy nicht, dass er dabei einen Monster kreieren wird. Guetta sieht sich fortan als Damien Hirst der Street Art Szene und lässt Werke reihenweise von der Stange für eine Mega-Street-Art-Ausstellung produzieren, die alles andere bisher dagewesene in den Schatten stellt. Und das, wiederum, schmeckt dem Olymp dieser anarchischen Szene doch nicht so. Wie Banksy reflektiert, brauchen “Die meisten Künstler Jahre, um ihre Kunst zu perfektionieren, ihr Stil. Thierry scheint das alles verpasst zu haben. Er brauchte das nicht, er spielte nicht nach den Regeln. Andererseits soll’s aber keine Regeln geben. Also weiß ich eigentlich gar nicht, was die Moral der Geschichte ist.”

Wie porträtiert man nur den Aufstieg und Fall (der Authentizität) der Street Art Szene: Eine Szene, die keine Regeln folgt und sich nicht greifen lassen will? Simpel, eigentlich, wenn man Banksy heißt. Stilistisch gesehen, pflügt “Exit through the Gift Shop” in wahrer Banksy Manier durch diverse ästhetische Vokabeln aus Hochkultur, Mainstream und Underground. Angefangen mit der satirisch-förmlichen, walisischen Off-Stimme von Rhys Ifans à la BBC über den Pastiche sämtlicher Dokumentarstile – von Skateboardfilm zum typisch straighten BBC Stil über Cinéma-Vérité bis zum pseudodokumentarischen Borat-Style ist alles dabei – kommt “Exit through the Gift Shop” eine von Banksys gesprühten Werken ganz schön nahe. Auf erster Ebene rein unterhaltsam, auf zweiter selbstreflektiv, auf dritter wiederum metakritisch, auf vierter nur absurd, und auf der fünften Ebene – sofern man da noch ankommen mag – wiederum genial.

Unpublished, Oktober 2010