Technical Itch alias Decoder alias Peshay?!? Als Schüler von und kreative Kraft hinter DJ Peshay bilden Technical Itch bzw. Decoder keine neuartige Erscheinung in der britischen Jungle Szene. Inzwischen dürfte sich auch rumgesprochen haben, daß eigentlich keiner der so grandios angepriesenen DJs ihr Versprechen der ebenfalls grandiosen Komponistenleistungen wirklich einlösen kann. Hinter Ed Rush Nico und Dom & Roland, hinter Goldie Rob Playford, und jetzt, hinter Peshay Flytronix und aus Bristol Decoder.

Dennoch stellt sich die Frage, was diese offensichtlich introvertierten Künstler dazu bewegt, ihren Namen und ihr Talent herzugeben, und auf den Ruhm, auf die Frauen, auf das Geld, auf das begehrte Metalheadz-Logo, und, vielleicht am wichtigsten von allen, auf die BMWs mit Goldfelgen zu verzichten. Integriert die Jungle Szene eine neue Art von Klassenkonflikt? Oder stellen diese Initiationsriten eine neue Variante des westeuropdischen Debütantinnenballs dar? Mark Caro von Decoder gibt Aufschluß über seine persönliche Schwitzhütte, über DJ Peshay, über Bristol und über die Tatsache, daß er noch kein Ferrari 355 fährt!

Vergißt eine Minute lang alles, was von Bristol in letzter Zeit erzdhlt wurde. Laßt einfach mal das musikulturelle Erbe, mit der diese Stadt in jüngster Geschichte gebrandmarkt wurde, ganz außer acht. Ignorieren wir doch mal die Lager um die Jazzmänner, Soul-Divas, Nouveau-Funksters und Roots-Visionäre der Drum’n’Bass- und Hip-Hop-Bühnen, die das Bild dieser Hafen- und Universitätsstadtweltweit geprägt haben. Betrachten wir die Stadt Bristol, die in einem Ferrari keine zwei Stunden von London entfernt liegt, rein aus der Perspektive seiner gesellschaftlichen Funktion. Und mit den Konsequenzen dieses Daseins im Hinterkopf, so wird sich ein ganz anderes Bild entfalten. Ein Bild, das sich mit den Szene-Traumata der Hauptstadt des Drum’n’Bass, London, nicht vergleichen läßt und ganz bewußt davon distanziert.

Denn Bristol ist eine Studentenstadt und keine Bizness Stadt. Der Ruf ist in ganz Großbritannien verbreitet. Nach Bristol zieht man nicht, um zu arbeiten, sondern um zu studieren. Wer Zeit braucht, findet sie an der Westküste Englands in dieser mittelgroßen, lethargischen Großstadt. Termine zum Pressen von Dubplates werden nur von den Paten-DJs gesetzt und nachgegangen. (Schließlich haben sie auch bis zu jedem Sonntag die Aufgabe, die frischesten, fiesesten Waffen, die Drum’n’Bass zu bieten hat, aufzutreiben und sie den anderen neidischen Metalheadz-Partisanen zu demonstrieren.) Aber weder dieser bestimmte Sonntag, noch dieser bestimmte Club (namens Blue Note) existieren in Bristol. Höchstens der Samstag, Freitag und Donnerstag sind hier von Bedeutung, und die wenigen Studenten-Clubs werden wohl kaum in der japanischen Version des “Lonely Planet Guide: Great Britain” auffindbar sein. In Bristol dreht sich alles um Zeit, nicht um die Hektik.

Was man mit dieser Zeit alles machen kann, wird auf dem Tech Itch Label der zwei jungen Herren Mark Caro und Darren Beale registriert. Mit einer Menge Lichtjahre in der Reserve haben es Technical Itch (der Name, den Moving Shadow kaufen durfte!) bzw. Decoder (der hausinterne Projektname) geschafft, die bisher äußersten Grenzen des Tonspektrums zu penetrieren. Das Resultat ihrer Forschungsarbeit Nummer Eins: Die Auffindung feinster, kleinster Partikel von Bass und elektrostatischem Sound, die jedes DJ Peshay Set zu neuen, unnachahmlichen Dimensionen von Drum’n’Bass antreiben. Das Resultat ihrer Forschungsarbeit Nummer zwei: Wenn Goldie demnächst für Metalheadz eine Platte aus Bristol braucht, dann wird sie den DAT-Geräten und Mischpulten des Tech Itch Studios entstammen. Soviel ist gewiß. Weniger gewiß bzw. weniger publiziert allerdings das Resultat ihrer Forschung Teil drei. Wenn Goldie demnächst wieder von Peshay eine Platte für Metalheadz braucht, dann wird sie auch an den Mischpulten des Tech Itch Studios konzipiert und den DAT-Geräten desselben Studios entsprungen sein. In Bristol hat man nämlich viel Zeit zu produzieren und zu remixen, sowohl für sich, als auch für andere.
In England ist seit einem halben Jahr eine neues Wort en vogue. Wer sogar rechtzeitig die Innenhülle von Goldie’s Epos, Timeless, inspizierte, wird schon vor knapp zwei Jahren das Wort entdeckt haben: “engineer”. Kein weiter aufälliger Terminus, – eigentlich eine ganz geläufige Bezeichnung gerade im Bereich der Musik, die vorwiegend mechanisch fabriziert wird, birgt doch dieses Wort einiges an explosivem Potential, insofern es die Karrieren der Top Pop-Stars der Junglisten Arena berührt. Wollte man die richtige Bedeutung von “engineer” herausfinden, so würde man nämlich nicht im deutsch-englisch Wörterbuch nachschlagen, sondern die letzte Milli Vanilli Platte zur Hand nehmen, um dort nachzuschlagen, wer wohl IHRE Stimmen “engineered” haben könnte. Offensichtlich scheinen auch die meisten aus der DJ Top-Liga von solchen Praktiken, daß derjenige, der auf der Platte steht, nicht unbedingt drin ist, betroffen zu sein. Erröten würden sie alle, verneinen würden es einige. Tatsache ist, daß Ed Rush gar nicht Ed Rush ist, Grooverider sich selbst nur unter dem Alias Codename John featuret, und daß Peshay entweder Flytronix oder Tech Itch getauft werden müßte, wenn alles mit rechten Dingen zugehen würde. Fragen muß man sich, oder die “engineers”, allerdings auch, warum diese Manipulation geduldet wird. Warum fährt Peshay Ferrari, wenn er eigentlich nur den Nissan von Mark Caro verdient hat bzw. warum kassiert nicht Caro sein Nissan gegen Peshays Ferrari 355 und sein Baton ein?

“Peshay war der erste DJ, der zurückgerufen hat. Als wir unsere ersten DATs unter den DJs verteilten, bekamen wir nie eine Antwort. Wir mußten immer anrufen, um zu fragen, ob sie auch wirklich unsere Sachen spielen oder nicht. Ich habe Peshay zum ersten Mal in Bristol getroffen, als er hier aufgelegt hat; er gab mir seine Telefonnummer und ich schickte ihm ein paar DATs. Irgendwann habe ich ihn in London in The End spielen sehen. Da hat er mir völlig mein Kopf verdreht. Er spielte ganz anders wie in Bristol, eher dunkle, pure Beats, nicht so musikalisch. Ein Jahr später traf ich ihn wieder auf einem der Universe Events. Simon von Moving Shadow, für die wir damals produzierten, stellte uns richtig vor, ich schickte ihm wenige Tage später ein DAT, seitdem schneidet er alles auf Dub-Plate, was wir ihm schicken. Er war der erste, der uns Feedback gegeben hat. Er hat auch immer angerufen und hat immer gesagt, welche Stücke ihm gefallen und welche nicht. Keiner der anderen DJs war so zuvorkommend. Inzwischen ist er der einzige, der unsere DATs bekommt. Ca. drei-viertel von seinem Set besteht aus unseren Tunes. Er macht unheimliche gute Werbung für uns, indem er unsere Tracks promotet. Er hat uns auch bei Metalheadz reingebracht; Goldie fragt schon jedes Mal, wenn wir ihn sehen, wo denn jetzt sein Decoder sei! Aber Peshay liebt einfach den Sound, den wir hinkriegen, und seitdem machen wir alle seine Remixes und seine “engineer”-Arbeit. Demnächst starten wir mit seiner LP. Aber er ist einfach ein guter Typ! Er ist wie unser Manager und Freund gleichzeitig.”

Die alten Rituale eines Landes also, das immer noch den Schultyp Internat mit all seinen Schikanen bevorzugt und dessen höchstes Gebot, seit jener Thatcherite Ära, dem Sozialdarwinismus erschreckend nahe kommt. Im Falle Technical Itch heißt das Erfahrungen sammeln, sich hoch arbeiten und die Strapazen, denen diese Musik ausgesetzt wurde, in der vollen Wucht der Hiebe auf sich nehmen. Irgendwann zahlt es sich aus, die Plattenkisten deines Lieblings-DJs getragen, ihn beherbergt, und ihm letztendlich seine LP produziert zu haben. Von der Symbiose müssen auch beide Parteien profitieren. Peshay bekommt seine Metalheadz Maxi, Predator, Technical Itch zwar keinerlei Credits, dennoch scheint die Rechnung aufgegangen zu sein: “Es war auf jeden Fall harte Arbeit. Erst jetzt können wir davon leben. Wir sind erst vor kurzem auch legal geworden, haben uns von der Arbeitslosenhilfe abgemeldet. Es ist schon schwierig, den Zugang zu finden, aber mit einem guten Track und jemanden im Hintergrund, der dich unterstützt, fdllt das alles etwas leichter. Als wir dann bei Moving Shadow waren, bekamen wir etwas mehr Anerkennung. Darauf folgt dann die übliche Routine… Als wir die Tech Itch #6 vervffentlichten, wohnte ich noch in Birmingham. Erst als wir den Deal mit Moving Shadow abgeschlossen haben, zog ich nach Bristol. Damals verkauften wir nur zwischen 800 und 900 Stück. Unser Vertrieb war nicht besonders gut, also legten wir Tech Itch für kurze Zeit auf Eis, um uns auf Moving Shadow und andere Projekte (Releases auf Second Movement, Hard Leaders und Ruffneck Ting) zu konzentrieren. Irgendwann haben wir uns dann bei Vinyl Distribution (Englands größter Plattenvertrieb) reingepusht und seitdem sind unsere Plattenverkäufe von 800 Stück auf 3500 gesprungen!”

Und selbst wenn man ihnen den roten Ferrari anbieten würde, kann man davon ausgehen, daß Technical Itch dieses Prachtstück italienischen Auto Designs ablehnen würden. Viel zu bescheiden wären sie, um ihrem Mentor so ein Statusobjekt abzunehmen. Nach wie vor respektieren sie seine Unterstützung und seine Aufträge, um sich schon von ihm abzunabeln, geschweige denn ihre Plattenideen vor den seinen umzusetzen: “Momentan haben wir nicht einmal genug Zeit, um unser Zeug zu Ende zu bringen. Wir könnten uns gar nicht, mit irgendwelchen anderen Leuten außer Peshay zusammenzuarbeiten. Der beansprucht unsere ganze Zeit. Er pusht dich bis du genau den Sound hast, den er haben will. Er weiß exakt, was er will. Er nimmt nichts auf, bis er nicht zufrieden ist. Peshay sitzt dann in seinem Stuhl und verhält sich wie ein Dirigent. Zu Hause hat er nämlich kein Studio mehr. Das, was er hatte, steht jetzt bei seinem früheren “engineer” Danny von Flytronix, herum. Er benutzt ausschließlich unser Studio. Er fährt hoch aus London und bleibt mehrere Wochen am Stück bei uns. In der Zeit verläßt er nur Bristol, um auf Gigs zu fahren und kommt direkt wieder zurück… Und wenn er nicht hier ist, sind wir ständig in Kontakt. Ich erinnere mich, als wir ‘The Fog’ fertig produziert hatten. Peshay war so sehr darauf fixiert, sich den DAT möglichst schnell als Dub pressen zu lassen, daß er für 70 Pfund einen Kurier bestellt hat, und noch mal 70 Pfund für das Pressen ausgegeben. Die Platte mußte unbedingt am nächsten Tag in London sein.” Weshalb dann Mark Caro und sein Partner, Darren Beale, nicht in die Hauptstadt ziehen? Mehr Kontrolle, mehr direkten Einfluß über ihren Werdegang und mehr Entscheidungsfähigkeit über die Politik, die ihr Label (siehe Namensänderung) doch beträchtlich beeinflussen…

“Bristol wird generell als geeigneter Standort für Musik angesehen. London ist voll von Leuten, die viel zu sehr über andere reden. Hier draußen in Bristol können wir uns von der Politik entfernen und ein gutes Verhältnis zu allen anderen Leuten in der Szene aufrechterhalten. Zusätzlich haben wir in Bristol viel weniger Konkurrenz. Was Drum’n’Bass betrifft, sind eigentlich nur noch Krust, Roni und Die von Bedeutung; mit denen hat unsere Musik nichts zu tun. Anfänglich habe ich vielleicht auch DATs an Krust geschickt, aber das war nichts für ihn…”

De:Bug – Ausgabe #2, August 1997