Comics sind schon immer eng mit dem Thema Migration verbunden. Superman beispielsweise musste als Säugling seinen Heimatplaneten verlassen und in der Fremde aufwachsen – sein Autor Jerry Siegel war der Sohn jüdischer Einwanderer in die USA. Für die Soziologin Barbara Eder, die zurzeit an der Universität Wien ihre Dissertation zur Darstellung von Migrationsprozessen in Graphic Novels und Comics schreibt (Titel: “‘AlienNation’? Zur Darstellung von Migrationsprozessen in Comics und Graphic Novels transnationaler ZeichnerInnen”), bedeuten die Superheldenhefte nur den Anfang einer lang anhaltenden und wenig erforschten Tradition.

In ihrer Arbeit widmet sie sich neueren Comicerzählungen von Autoren mit Migrationshintergrund, darunter “Maus” von Art Spiegelmann und “Persepolis” von Marjane Satrapi. Oliver Köhler fragte sie, warum Comics oder gerade auch so genannte Graphic Novels – darunter versteht man Autoren/innencomics oder Comicromane – in einem engen Bezug zu dem Thema Migration stehen.

Oliver Köhler: 2010 zeigte das Jüdische Museum in Berlin eine Ausstellung darüber, wie in den USA die Geschichte der Comics eng mit der jüdischen Migrationserfahrung verbunden ist. Könnte man behaupten, Superman ist ohne den Migrationshintergrund seines Autors nicht denkbar?

Barbara Eder: Das Genre Comic ist unmittelbar mit dem Thema der Einwanderung nach Amerika verknüpft. Vieles von der Pionierarbeit im Bereich der Comics steht in Bezug zu der Migrationserfahrung der Autoren und Zeichner. Mit dem Hintergrund der Verfolgung während der Nazizeit und der Auswanderung in fremde Länder empfanden Migranten damals eine höhere Form der Verletzlichkeit. Diese Entwurzelung durch ihr Leben im Exil führte auch zu der Erfindung von besonders starken Identifikations- und Heldenfiguren, wie zum Beispiel Superman – starke “Golem”-Figuren, um mal eine Verbindung von Superhelden mit der jüdischen Kultur herzustellen.

Gegen diese Form der Darstellung in Comics lehnten sich aber wiederum Autoren wie Art Spiegelman auf. Spiegelman konzentrierte sich lieber auf Alltagsmenschen und parodierte damit sowohl den amerikanischen Traum wie auch gängige Superheldenmythen. Hier liegt mein Interesse an Comics, genauer gesagt an Graphic Novels: Wie werden Migrationserfahrungen dargestellt und warum wird diese Form gewählt, um Situationen wie Migration zu überwinden?

Möglichkeiten des autobiografischen Comics

Zentral in Ihrer Doktorarbeit ist “Persepolis”, die Comic-Autobiografie der Iranerin Marjane Satrapi. Bereits vor seiner Verfilmung hatte das Werk besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Eignen sich Comics besonders, das Thema Migration zu erfassen?

Vor allem die durch Flucht bedingte Migration stellt für diejenigen, die diesen Prozess durchleben, einen erheblichen Bruch mit ihrem bisherigen Leben dar, sowohl biografisch als auch beruflich. Der Vorteil des Schrift- und Bildmediums Comic ist, dass so viel symbolisiert und ausgedrückt werden kann, was mit Worten sonst nicht so einfach ist. Nehmen wir “Persepolis”, wo die Protagonistin in manchen Situationen Persisch spricht. Dennoch können Leserinnen der Erzählung folgen, weil eben vieles auf der symbolischen Ebene passiert. Indem Satrapi ihre Biografie im Medium Comic darstellt, kann sie auch das zum Ausdruck bringen, was durch Worte nicht zureichend erfasst werden kann.

Die Erzählform Comic funktioniert auf mehreren Ebenen: Das Visuelle wird mit dem verknüpft, was durch Worte erzählt wird. Wenn es um ernste Themen geht, begegnet man als Leser/in dem Medium mit einer gewissen Skepsis – Comics haben ja doch immer noch das Stigma des “Kindlichen” oder “Lächerlichen”.

Der Vorteil der Darstellung von Lebensverläufen in Comics ist aber, dass die extrem brüchige Erzählform von Comics – mit den leeren Räumen zwischen den Bildern – einer Biografie, die nicht linear verlaufen ist, möglicherweise mehr entspricht als eine literarische Erzählung. Das Spannungsfeld zwischen dem Statischen der einzelnen Bilder und ihrer Sequenz gibt der Biografie – die Satrapi im Übrigen als “autofiktionale Erzählung” bezeichnet – eine neue Kontinuität, die im realen Leben einer Migrantin nicht vorhanden ist.

Des Weiteren finde ich es auch interessant, dass für die Leser/innen oftmals nicht so klar ist, ob sie über das Gezeigte lachen oder weinen sollen. Wenn Satrapi die Darstellung politischer Machthaber auf wenige Striche reduziert, legt sie Leser/innen nahe, diese als Karikaturen zu betrachten. Ironie ist an diesen Stellen eine starke Komponente. Im gleichen Atemzug können dieselben grafischen Stilmittel auch Trauer, Tragik und Leid zum Ausdruck bringen.

Mehrere Ebenen gleichzeitig

Ebenso gibt es im Comic ein fortwährendes Spiel mit den unterschiedlichen Ebenen der Erzählung: Art Spiegelman hat das in “Maus” sehr klug gemacht, indem er Fotos als Kontrast in die Zeichnungen eingebettet hat, die die realen wie auch die tragischen Momente darstellen sollen. Nichtsdestotrotz ist Ironie eine starke Komponente in Comics, gerade weil sie in Gedankenblasen und in der starken Symbolik sowohl das Sichtbare als auch das Unsichtbare gleichzeitig aufzeigen können. Zumeist gibt es eine starke Diskrepanz zwischen der Innen- und der Außenwelt eines Protagonisten, zwischen dem Erfahrenen und dem tatsächlich Gefühlten. Beide Zeitebenen, die im Bewusstsein der Erzählfiguren gleichzeitig existieren, werden auf diese Weise zu einem Bild der Gegenwart verbunden. Das ist auf diese Weise nur im Comic möglich.

Geht es in der Regel um negative Erfahrungen? Oder ist die Betrachtung differenzierter?

Migrationsprozesse sind mit einer gravierenden Veränderung der gewohnten, alltäglichen Lebenswelt der Erzählfigur verbunden. Migration ist immer mit einem Bruch oder einer Kollision des Gewesenen verknüpft, mit einer Abwesenheit des Vergangenen. In den Graphic Novels, die ich untersucht habe, wird gerade diese Kollision zwischen dem Alten und dem Neuen inszeniert. Präzise formuliert erlaubt es dieser “Stream of Comicness”, die Inkongruenz [die Nichtübereinstimmung] der Lebenslage der Protagonisten als ebenso komisch wie tragisch darzustellen.

Satrapi hat das gemacht, indem sie beispielweise mit Stereotypen gerade in Wien gespielt hat. Zudem vertauscht sie die Kontraste von Schwarz und Weiß oftmals miteinander. Dadurch gelingt es ihr, Gegensätze hervorzuheben und Widersprüche aufzuzeigen. Eine besondere Wende nimmt Marjane Satrapis biografische Comicdarstellung, als die Erzählerin nach dem mehrjährigen Aufenthalt in Österreich aus dem Exil zurückkehrt. Sie fühlt sich in ihrer Herkunftsstadt Teheran ebenso “fremd” wie in Wien. Ihre zweibändige Comicautobiografie stellt also eine Form der geistigen und künstlerischen Verarbeitung der Brüche dar, die sich aus den sämtlichen Migrationsbewegungen ergaben. Man könnte “Persepolis” so sehen, dass Satrapi sich damit ein “Zuhause” herstellt, in Form von bedruckten Seiten.

Surrealisierte Erfahrungswelt

Eine besonders ausgeprägte Form des Migranten-Comics ist “Ein Neues Land” von Shaun Tan. Bei der Darstellung verzichtet der Autor nahezu vollständig auf sprachliche Mittel. Die Erzählung beinhaltet kaum Sprechblasen, sondern surreal wirkende Bilder. In welchem Bezug steht diese Form des Ausdrucks zum Thema der Migration?

Es sind nicht nur die äußeren Lebensverhältnisse, die sich durch Migration stark verändern. Aus soziologischer Sicht bringt der Migrationsprozess eine starke Veränderung des Wahrnehmungsprozesses mit sich. Was im Herkunftsland als “vertraut” erlebt wurde, wird im Einwanderungsland als “fremd” bezeichnet. Vertraute Orte und Dinge des alltäglichen Lebens müssen deshalb aktiv hergestellt werden.

Heute weiß man auch, dass die Erinnerung so stark sein kann, dass sie die Gegenwart überlagert, sprich: sie virtualisiert. Bei Shaun Tan wird die Erfahrungswelt auf merkwürdige Weise surreal. Sämtliche Phänomene, die Migranten/innen erleben, zum Beispiel Entrechtung, Verwundbarkeitsgefühl, Exotisierung, das “auf seine Ethnie reduziert werden”, Individualisierung und auch die Kollision mit der neuen Kultur werden bei Shaun Tan symbolisch auf die Spitze getrieben. Und das zeigt auf, welche Schwierigkeiten sich dabei ergeben, als Neuankömmling eine Identität in einem fremden Land aufzubauen. Shaun Tan stellt diesen Prozess als einen dar, der sich an der Grenze zur Sprachlosigkeit, am Rande des Verstummens abspielt. Und als Leser/in können wir im Idealfall diese Perspektive übernehmen.

Publication fluter.de
Date 06-05-2011
Industry Media
Link Superman war ein Flüchtling