Angela Merkel, sonst medienscheu, soll nunmehr keine Gelegenheit auslassen, sich vor die Kamera zu stellen. Und zu jedem Auftritt besonders warm lächeln. Mehr als 30 Videobotschaften mit der Kanzlerin als Protagonistin werden im Wahlkampfmonat September ausgestrahlt. Mehrmals am Tag Merkel, also, plus TV-Duell mit Frank-Walter Steinmeier. Die Volkspartei Nummer Zwei, die SPD, ihres Zeichens die Partei, die den Medienkanzler Schröder hervorbrachte, will gar mit einer Informationswelle die WählerInnen zum Kreuz bei Rot bewegen: Animierte Infografiken, eine nicht so sehr wirklich komische Videoreihe, Interviews, Archivmaterial, Wahlspots, sympathische Steinmeier-Porträts, Kommentare von Promis und sogar eine Flashmob-Aufzeichnung. Dürfen dieWähler/innen etwa keine Zeit finden, sich auf andere Parteien zu konzentrieren, bei so viel Material aus der SPD-Zentrale?Falsche Welt?

FDP-Politiker Hermann Otto Solms und Otto Fricke bestreiten ihre eigene Mini-Comedy-Soap. Mal am Strand, mal fest gefangen im Aufzug, mal im Büro bestreiten die beiden zum Großthema Steuern einen Schenkelklopfer nach dem anderen, um mit dem eher trockenen Image der FDP aufzuräumen. Bei den Grünen haben sich die Medienstrategen eine bunte Palette an Aktionen für das eher brave Regiment ausgedacht: Die Partei strahlt in Handycam-Filmchen Anleitungen zu anarchistischen Protestaktionen aus, lässt Bürger/innen und Promis für Grün werben und zeigt Bildmaterial von Aktionen, die für besonders unterstützungswürdig gehalten werden. Die Linke, normalerweise die Provokateure der politischen Arena, wurden hingegen beraten, sich die Krawatte umzubinden. Sie wollen möglichst seriös auftreten, denn hier gibt’s anscheinend nichts zu lachen. Entertainment? Bei der Linksfraktion Fehlanzeige.

Obwohl es in der Politik immer noch um politische Inhalte geht, kommt ohne Wahlkampftheater keine/r ins Kanzleramt. Und ohne öffentlichkeitswirksame Maßnahmen, über die in den Massenmedien berichtet wird, erreicht keine Kanzlerkandidat/in das nötige Massenpublikum mit der entsprechenden Anzahl an Stimmen. Die Wahlkämpfer/innen brauchen die Medien für ihre Werbung. In den letzten Jahren allerdings sahen sich Kandidat/innen – und ihre Wahlkampf-Manager/innen – mit einer zunehmenden Anzahl an technischen Errungenschaften im Medienbereich konfrontiert. Und die müssen alle bewältigt, verstanden, und nicht zuletzt richtig bedient werden, damit sie sich und ihre Parteien ins richtige Licht rücken. Mit der zunehmenden Anzahl an Nutzer/innen, die sich im Web 2.0 auf Plattformen wie FlickR, WordPress, MySpace, Facebook, Twitter, YouTube, StudiVZ und sogar iPhone Apps tummeln, sind dort immer mehr potenzielle Wähler/innen zu erreichen. 2005 – zur letzten Bundestagswahl – war an diese Plattformen noch nicht zu denken.

Das Wahlkampfjahr 2.0  oder die Obamaisierung des Wahlkampfs
Wenn es um Wahlkampagnen geht, sind die USA der unumstrittene Marktführer. Mit stark personalisiert geführten Aktionen, in denen Menschen und Themen anstelle von Parteiprogrammen im Mittelpunkt stehen, haben die Amerikaner die Kunst des Pseudo-Ereignisses perfektioniert. Seit der letzten US-Wahl 2005 hat sich zusätzlich zu Zeitungsberichten, TV-Duellen, Blogs und RSS-Feeds ein Sammelsurium an neuen Instrumenten entwickelt, die es den KandidatInnen erlaubte, im Wahlkampf 2008 sich auf allen Kanälen zu vermarkten. Da reichte es nicht mehr nur Stadt, Land, Radio, TV und Internet mit Wahlwerbung zu füllen. Der Dialog mit den Politiker/innen war gefordert, kurz, der engere Kontakt zur Wählerschaft über die neuen Kommunikationsmöglichkeiten des Web 2.0. Im Gegensatz zur traditionellen Wahlwerbung erwartet die Wähler/in 2.0 direkte Reaktionen auf ihre Belange. Bloß eine Seite auf Facebook einpflegen, das reicht nicht. Auf die Tausende von Kommentaren, Links und Fragen müssen auch Antworten her. Würde alleine das mediale Engagement zählen, wäre es Erklärung genug, dass gerade der, der sich allzu oft mit dem Blackberry in der Hand präsentiert, Barack Obama, nicht nur in den Medien die Vorherrschaft gewann, sondern auch die Wahl zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Deutschland auf der Wahlkampf-Überholspur?

Wenn es um Innovationen bei medialisierten Wahlkämpfen geht, steht Deutschland nicht unbedingt an erster Stelle. Am Beispiel des eher lahmen Fernsehduells zwischen Merkel und Steinmeier ist Deutschlands Rolle als Wahlkampfnachzügler unschwer zu erkennen. Obwohl das deutsche Fernsehen in so genannten Elefantenrunden zwischen 1969 und 1987 Fernsehduelle ausstrahlte, dauerte es fast 50 Jahre seit der Erfindung des TV-Duells zwischen Präsidentschaftskandidat/innen in den USA, bis in Deutschland 2002 zwischen Schröder und Stoiber das erste Kanzlerkandidatenduell im TV ausgestrahlt wurde. Mit dem darauffolgenden Wahlsieg für Schröder, der prompt zum Medienkanzler erklärt wurde, fiel plötzlich die Hemmschwelle vor der zunehmenden Amerikanisierung der Wahlkämpfe – auch wenn der Vorwurf seitens der Politikwissenschaft anhält, dass dabei die politischen Inhalte verflachen. Gerade in Zeiten, in denen Loyalitäten zu Parteien immer mehr auf individuelle Themen und Persönlichkeiten fußen und in denen die Parteien nicht gewiss auf die Stimmen der Stammwähler/nnen zählen können, scheint auch in Deutschland jedes Mittel recht. Einerseits um sich selbst darzustellen. Andererseits, um potenzielle und unentschiedene WählerInnen zu erreichen, wovon es laut EMNID-Studie in diesem Jahr ein Drittel gibt.

Ein Klick auf YouTube

Ein wenig verwunderlich, dass die Plakatkampagnen erst in der letzten Augustwoche – fast weniger als einen Monat vor der Wahl, wo es im Vergleich in den USA gerne zwei Jahre vorher losgeht – ins Straßenbild rückten und dass im Fernsehen die Präsenz noch eher dürftig ausfiel. Dagegen zeigt die Bestandaufnahme im Web 2.0 ein etwas anderes Bild. Obwohl nicht mit persönlichen Profilen ausgeschmückt, sondern eher mit Fanseiten ausstaffiert sind die meisten Kandidat/innen zur Bundestagswahl bei Facebook vertreten. Angela Merkel liegt eindeutig in Führung, was die Anhängerzahlen betrifft. Mit dem Twittern tun sich noch einige schwer. Eine iPhone Applikation hat sich einzig und alleine die SPD angeheuert. Blogs und persönliche Webseiten gehören zum guten Ton für die Präsenz im Internet. Aber wenn es um eine Plattform geht, die alle ernst nehmen, dann willkommen bei YouTube. Alle mit pfiffigem Branding – CDUTV, SPDVision, Kanal Grün und Linksfraktion – und alle mit einer Reihe an abendfüllenden Inhalten, von denen ihre Vorgänger in den Zeiten vor Web 2.0 hätten träumen können.

Wir kandidieren!

Als es noch kein YouTube gab, waren die Parteien von der Gunst der Massenmedien abhängig. Obwohl eine Wahl an sich Thema genug war, konnten die Fernsehanstalten und Zeitungen selektieren, worüber sie berichten wollten. Mittels politischer Inszenierungen wurde die Aufmerksamkeit gelenkt. Fernsehzeit war und ist kostbares Gut, was nur zusätzlich durch eigens produzierte Wahlwerbung ergänzt werden konnte.In einem Wahljahr, in dem Nachrichtenmeldungen auf Grund der Wirtschaftskrise eher düster ausfallen, und man einen bierernsten Wahlkampf erwarten müsste, scheint der Gute-Laune-Faktor als Instrument angekommen zu sein. Ob das was über die Politikverdrossenheit oder über die Politikinhalte aussagen soll, bleibt offen. Zwar hüten sich die Parteien davor ganz so satirisch das Thema anzugehen wie Horst Schlämmer, Hape Kerkelings Version von “Borat”.

Animierte Littfasssäulen im Netz

Worüber der Sympathiefaktor Humor jedoch nicht hinwegtäuscht, ist, dass – trotz aktuellster Medientechnik – der direkte Dialog mit den WählerInnen noch weitgehend hinkt. Obwohl sich die Nutzer/innen entscheiden können, wann und wie sie sich mit den Inhalten der Parteien auseinandersetzen – und auch theoretisch noch am Wahltag ihre Meinung bilden können – bleibt den Parteien heute ein Informationsmonopol reserviert, das besser zu kontrollieren ist im Vergleich zur Berichterstattung im Fernsehen. In der Frage-Antwort Runde auf Angela Merkels Website zum Beispiel werden die Fragen zwar von Wähler/nnen gestellt, aber stark aussortiert. So mögen vielleicht die Profile der KanzlerkandidatInnen bei Facebook, FlickR, Twitter und YouTube etwas bunter, technischer, innovativer und auch nerdiger erscheinen als in der Vergangenheit, aber eines sollte die Wähler/in im Kopf behalten. Der Wahlkampf 2.0 hat immer noch mehr mit Plakaten am Wegesrand gemein als mit dem Web 2.0. Der einzige Unterschied: Die Nutzer/in gibt freiwillig die Adresse der Website ein, anstatt die Werbung unfreiwillig wahrzunehmen.

Publication fluter.de
Date 23-09-2009
Industry Media
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