In Hans-Christophs Blumenbergs Sci-Fi B-Movie Satire ist Deutschland am 3. Oktober 2020 kein schönes Land. Mit eiserner Faust wachen schwer bewaffnete und gepanzerte Polizeitrupps über die Gesetze des Landes. Die Straßen der post-klassizistisch gebauten Städte sind trostlos und leer. Eine Energiekrise hat das Land an den Rand der Pleite gezwängt. Das Wetter ist auch nicht wirklich gut. Mobiltelefone sind verboten.Der ehemalige Vorstandsprecher der Deutschen Bank ist zu einem sympathischen Penner heruntergekommen. Die Deutschmark wurde wieder eingeführt. Und selbst die Raucher/innen, die so lange in Deutschland noch Sonderstatus genossen, sind in den Untergrund vertrieben worden. Einzige Höhepunkte im Leben der Bundesbürger/innen sind die gefälschten, aber heiter vorgetragenen Propagandanachrichten zur politischen und wirtschaftlichen Lage der Nation. Hinzu kommt makabres Trash-TV, das auf den einzigen beiden übrig gebliebenen Sendern ausgestrahlt wird: Alphaplus und Eurolux. Wo es eh schon schlecht um die Meinungsvielfalt steht, droht zum Einstieg in die Story eine weitere Eskalation der Situation … 

Quotenkrieg

Die weitgehend unsichtbare Regierung hat beiden Sendern ein Ultimatum gestellt. Ende Oktober darf nur noch einer von beiden in die Wohnzimmer scheinen: Der mit der höchsten Quote! Im sogenannten “Oktoberkrieg” sollen die Zuschauer/innen entscheiden, ob Alphaplus oder Eurolux die einzige Sendeerlaubnis behalten dürfen. Und so finden wir uns am Anfang von “Planet der Kannibalen” im Alphaplus Test-Studio für eine neue quotenversprechende Sendung mit dem Titel “Geld oder Grab”. In etwa gestrickt wie “Wer wird Millionär”, nur besetzt mit einem weiblichen Günther Jauch (besonders fies von Patricia Thieleman gespielt) und ohne die Möglichkeit auszusteigen. Wer gewinnt, lebt. Wer verliert, stirbt! Aber keine Sorge: Als Trostpreis darf die Familie des Verlierers auf Kosten der Produktionsfirma VanDamme aus Luxemburg “all-inclusive” nach Rügen. Alles halb so schlimm, wie es scheint.

Die Marktforscherin, der Kannibale und seine Liebhaberin

Der derzeitige Quotensieger läuft aber beim Konkurrenzsender von Alphaplus bei Eurolux in der Prime Time. Die Show heißt “Cannibal Talk” und ein Kannibale namens Oskar Wagenknecht, mit extremer Leidenschaft von Vadim Glowna dargestellt, und seine Anrufer bekommen keine Ratschläge, wie man das Leben besser meistern kann sondern wie man Lebendige am besten essen kann. Hinter diesen Sendungen stehen eine Riege besonders machtsüchtiger, opportunistischer und schlichtweg makabrer Produzenten und Regisseure. Einzig Emma Trost, von der charmanten Minh-Khai Phan-Thi gespielt, Trend-Managerin bei Alphaplus, gibt eine einigermaßen vernünftige Figur ab in diesem grausamen Netzwerk von Dominas, Kannibalen und Medien-Tycoons. Mit ihren Bedenken gegen menschenverachtende Game-Shows und Talk-Formate verkörpert sie zwischen den Fronten das letzte Fünkchen Verstand im gesamten Medien-Business. Allerdings bringt sie diese “humanitäre Dusselei”, wie es ein Kollege formuliert, nicht weiter.

Im Gegenteil: Als sie von ihrem Chef, dem Alphaplus-Intendanten Professor Dr. Dr. HC med. Best die außergewöhnliche Aufgabe zugeteilt bekommt, Aliens aufzusuchen, um sie exklusiv zu präsentieren – und damit die alles entscheidende Quote zu machen – gerät sie ins Kreuzfeuer einer Verschwörung, in der Polizei, Regierung und TV-Sender alle ihre Finger drin stecken haben. Prof. Best wird vor Emmas Augen erschossen und sie gerät fälschlicherweise unter Mordverdacht. Ihre einzige Verbündete, die sexuell verwirrte Heike Hasselhoff, gegeben von Barbara Auer, ist die “Freundin“ und Moderatorin des “Cannibal Talk” – Kannibalen. Mit ihrer Hilfe findet Emma Trost, abgekürzt E.T., Unterschlupf. Dort begegnet dort sie dem ehemaligen freien Produzenten und jetzigen Medien-Terroristen, einem richtigen Freiheitskämpfer, Adam Singer (Florian Lukas). Zusammen kommen sie der eigentlichen Verschwörung auf die Spur.

Hommage und Kritik in Blumenbergs Werk 

Nachdem Singer und Trost herausfinden, dass das mit den Aliens keine falsche Fährte ist, schockiert umso mehr die eigentliche Offenbarung des Films. 1995, im Jahr, als Emma Trost geboren wurde, machten drei Außerirdische in ihrem Raumschiff Bruchlandung vor der deutschen Küste. Mit ihrer Fähigkeit, ihre Form beliebig zu wandeln, hielten sie sich seitdem gut versteckt in der Bevölkerung. Als Alphaplus- und Eurolux-Mitarbeiter schafften sie es, Stück für Stück die Fernsehquoten an sich zu reißen und das Land mit Propaganda so lange zu füttern, bis die Regierung nur noch einen Sender zuließ. Nur mit einem hatten sie nicht gerechnet: Dass Singer und Trost diese Pläne aufdecken könnten … Trotz üblicher Sci-Fi Drehbuchformel gibt es kein Happy End im traditionellen Stil. Zwar sammelt Singer weiter Informationen gegen die Propaganda für seine Störsenderaktivitäten, und Heike Hasselhoff und Oskar Wagenknecht dürfen glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende leben. Aber, ganz nach der Devise der Game Shows muss es aber auch in Deutschland im Jahr 2020 Verlierer geben, und so muss Emma Trost mit der Rolle der tragischen Heldin Vorlieb nehmen.
Die durchaus düstere Kulisse von “Planet der Kannibalen” – mit ihren eindeutigen Verweisen zum Film Noir und zu “Alphaville” von Jean-Luc Godard – dient perfekt als Schauplatz der unheimlichen Entdeckungen der beiden Protagonisten Trost und Singer. In nur 18 Tagen als Low-Budget Produktion in 2001 abgedreht, schafft Regisseur Blumenberg eine greifbar paranoide Atmosphäre. Trotz der manchmal etwas steif vorgetragenen Dialoge treffen die Darsteller/innen den satirisch-kritischen Ton auf den Punkt genau. Unübersehbar sind die Seitenhiebe auf zunehmende Verdummung und Voyeurismus in der Fernsehlandschaft, die im Jahr 2000 mit der ersten Staffel von “Big Brother” richtig einsetzte. Dagegen wirkt nur die Monopolkonstellation der zwei Hauptsender etwas unrealistisch. Obwohl es in dem Produktionsjahr zwar noch kein Facebook oder YouTube gab, dafür aber Google, war doch ersichtlich, dass wir es im Jahr 2020 eher mit einer alles überwältigenden Medienvielfalt zu tun haben als mit einer Medienkonzentration der Sorte “Planet der Kannibalen”. Was der eigentlichen Message aber keinen Abbruch tut. Wie wir auch seitdem wissen, lässt sich das Internet ebenfalls gut für Propagandazwecke einspannen. Und was die Aliens betrifft, ist da noch lange nicht das letzte Wort gefallen…

Den Nerv der Mächtigen getroffen?

Inzwischen ist dieser Film fast so gut wie verschollen. Laut Produzent Patrick Brandt sei derzeit die Lage der Filmrechte ungeklärt. Ausgestrahlt wurde er im ZDF und auf ARTE, die zusammen den Film produziert haben. Das letzte Sendedatum war 2005, 20 Jahre nachdem Emma Trost geboren wurde und 15 Jahre bevor sie dem außerirdischen Coup auf die Schliche kommt. Zufall? Oder Absicht? War Blumenbergs Film vielleicht doch weniger eine B-Movie Satire und mehr Enthüllungsdrama? War die Programmleitung gezwungen worden, den Film “verschwinden zu lassen”, um keine weiteren Pläne zu entlarven? War bereits die 20-jährige Volontärin Emma Trost im Spiel mit dem Geheimauftrag, den Film aus dem Gedächtnis der Menschheit zu löschen? Drohte gar “Planet der Kannibalen” die geheimen Praktiken der sich hier langweilenden Außerirdischen platzen zu lassen? Munkeln kann man nur; besser wäre aber: aufpassen, was man guckt. Denn, wer weiß, mit welchen TV-Formaten wir uns bereits heute besonders einlullen lassen – zum Vorteil der Invasoren!?!

Publication fluter.de
Date 23-03-2010
Industry Media
Link Planet der Kannibalen