Jetzt ist es offiziell! Techno ist also gesellschaftsfähig. Nur bleibt die Frage offen, ob die Gesellschaft technofähig ist. Offensichtlich nicht, wenn man sich die Besucherzahlen im Little Heaven vor den Augen bzw. vor den Tresen hält. Vogel vs. Heidelberg (oder peinlicherweise München): 1 zu 0. Was der Bauer nicht kennt… Denn, während sich Manchester House DJs um Wohnungen im Rhein-Neckar-Kreis kümmern müßten, steht den Lokalmatadoren vor, demnächst unter der Alten Brücke ihre neuen Quartiere aufzunehmen (wohin mit den Technics?). Wehe dem, der den Begriff „Vorprogramms-DJ“ in die Welt gesetzt hat. Werden die Flammen der Revolution, die im AZ eine Molotow-Spritze bekamen, weiter brennen oder wird nach wie vor der versäumte Flug die einzige Hoffnung für die „zweite“ Liga sein? Nichts desto trotz wird schwerstens empfohlen, sich den Auftritt von DJ ESP (Communiqué Records) aus den USA, am 2. Mai reinzuziehen. Auch wenn’s ein Donnerstag ist!

Und wenn das den Menschen zu abstrakt wird mit der Zeit, dann werden bestimmt die Roboter ihren Spaß an der elektronischen Musik nicht verlieren, so jedenfalls meinen Marlboro, die uns in einer weiteren Etappe das Land der unbegrenzten Möglichkeiten näher bringen wollen. Hautnah, eigentlich. In einer Reihe von Veranstaltungen unter den Namen „Robot Attack“ präsentieren uns die Nikotinminister eine (sehr) alternative Sicht der Zukunft: Mensch trifft Roboter auf der Tanzfläche unter der musikalischen Begleitung der Djs db (sm:)e rec.), Steve Stoll (proper rec.), AUX 88 und Kenny Larkin (aus der ohnehin schon robotisierten Stadt Detroit). Zu erleben sind die kybernetischen Visionen (Utopien?) der US-Künstler Gary Pini und Marc A. Thorpe (Robot Wars) in Frankfurt in der Solms Halle (15. Mai) und in Stuttgart im LKA (22. Mai). Vielleicht läßt sich manch stählerner Arsch leichter zum Wackeln bringen…

Bleiben wir mal bei dem Thema „bombastische Events“ und greifen über zu einem DER Highlights im Monat Mai: das Regionaldebüt der Brüder Hartnoll, anders bekannt unter dem Namen Orbital, im Vibration am 24.5.. Der Sommer dürfte schon längst da sein und im Vibration nimmt die Freizeit-alternative „an den See gehen“ ganz neue Dimensionen an. So wird der Forster Heidesee, samt Wasserrutschen, an diesem Abend zum Schauplatz eines gelungenen Open-Air Konzeptes. Unterstützt werden Orbital, die ganz bestimmt ihre neue LP live (und damit ist wirklich live gemeint) spielen, von Rob Acid (Junk Food Rec., Space Teddy), Kenny Larkin (R&S), nach längerer Pause wieder Felix da Housecat und einer der letzten Opfer von Heinrichs Kahlschnitt-Studio (siehe Little Heaven) DJ Marc Bean. So fern daß das Wetter es erlaubt, werden auch weitere Freiluftkulturveran-staltungen am Heidesee stattfinden können. Der Mai verspricht ein interessantes Kontigent an Djs, wobei die Waage Regional – Überregional (bzw. Übersee) gut gehalten wird.

Die Sonne scheint aber nicht nur im freien, wie uns Source Records beibringen wollen. Ihr zweimonatlicher Exkurs in den Karlstorbahnhof ist am 4. Mai mal wieder so weit, wo sie eine Live-Präsentation der einwandfreien Ambient-Künstler Sun Electric und Global Electronic Network (alias Walker & Khan) veranstalten. Zeit für ein neues Appell: Tune in, Turn on, Chill out! Fünf Tage darauf wird der Rhein-Main-Dreieck durch die Präsenz einer weiteren legendären Figur geehrt: Larry Heard aka Mr. Fingers. Zwar fast zehn Jahre zu spät wird der ursprüngliche Architekt des House am 9. Mai im Nachtleben in Frankfurt zu Gast sein, um den Gespenst von Jack wiederzubeleben.

Im Normal heißt die Devise „Business as usual“: Donnerstags infiziert DJ Zimboom die Körper im Rohrbacher Industriegebiet mit schmutzigsten Techno Classics und findet sogar Gäste mit Namen wie DJ Masturbino (2. Mai), die ganz offensichtlich seine Strategien teilen. Alle zwei Wochen die Spaßvögel aus Manchester, sowie der allsonntägliche Treibhaus After-Hour mit DJ Taucher und/oder Gästen: in diesem Monat prallt der kleine Club im Dorian Gray auf das Normal mit Auftritten der Djs Andrynalin (12. Mai) und NM Space, Deutschlands Universe-Diplomat (26. Mai).

Zur Zeit befindet sich eine größere Zielgruppe in einer ganz gewaltigen Lebenskrise. Nicht viel länger können sie sich unter ihren Kapuzenpullis verstecken vor Scham, daß sie zur Zeit heimatlos sind (wird wohl voll unter der Alten Brücke!). Unsere Herzen gehen raus an die Junglists, die kurz vor der Ausrottung stehen. Aber Hilfe ist schon auf dem Weg: zur Rettung der bedrohten Subkulturarten wollen sich die Meditation Jungs einsetzen. Am 15. Mai starten sie die erste Deutschland-Jungle-Tour im M&S Connexion. Auftakt dieser Tour eine Party mit zwei Floors: auf dem Hardstep’n’Pressure Floor die Schwergewichtler Randall, Rap, DJ SS, Shy FX, Deejay E und DJ Febel. Auf der anderen Seite, meine Damen und Herren, der Future Soul’n’Ambient Floor mit Donovan Bad Boy Smith, Suck MD und, aus München, DJ Tarek. Zeremonienmeister sind die MC’s Det, Five-0 und MC C, den Takt gibt der Rhythm-Constructor, der Funky Drummer Alex, an, Deutschlands erste Jungle Institution! Da die Junglists nicht nur kurz vor dem Aussterben stehen, sondern auch auf finanzielle Unterstützung von gemeinnützigen Vereinen angewiesen sind, wird der Eintrittspreis 25,- DM nicht übersteigen.

Der Tag darauf ist ein Donnerstag und das heißt, daß diejenigen, die immer noch nicht genug Jungle bekommen haben, sich schnellstens auf den Weg richtung Mannheim-Jungbusch machen sollten ins Protest, wo A Special Technique die Grenzen des Dschungels jeden Donnerstag um drei Galaxien – mindestens – erweitern. Bis zum Contra’N Coloured Logic Sonntag sind es dann nur noch drei Tage und die kann man bei der BP verweilen, denn diesen Monat werden u.a. der Jungle-Poet DJ Roughage (12. Mai) und der Heidelberger Grizzly Adams, Tobi K, (19. Mai) die Woche ausrocken…

Der Juni rast inzwischen mit neuen Impulsen schnell voran. Die magische Kugel sagt kosmische Strömungen im Bereich Mannheim-Neckarau voraus: am 5. Juni wieder eine Sounds of Life mit einem weiteren Mitglied der Detroiter Verschwörung Stacey Pullen, im Future-Floor der Wax Doctor und, zum ersten Mal in Deutschland, der Speed-DJ Lee, sowie Dave Clarke und der erotische Zündkörper Lil’ Louie. Zwei Tage darauf öffnen gleich zwei neue Clubs im Connexion: Club Sol und HD-800. Expect the Unexpected!

einstein, Das Stadtmagazin – 05/1996