Während Heidelbergs Ältestenrat 800 Jahre Stadtgeschichte feiert, blickt die normalerweise so feierwütige Jugend den nächsten 800 Jahren tief in die Pupillen und reißt die Zukunft an sich heran. In einem noch recht heimlichen Akt der Selbstverwaltung wurde Ende letzten Jahres der Zukunftsmusik e.V.konzipiert und gegründet. Hauptanliegen des Zukunftsmusik e.V. ist die Förderung moderner, elektronischer Musikkultur sowie eines zukunftsorientierten Lebensstils. Zukunftsmusik e.V. versteht sich jedoch nicht als Disko-Stammtisch zur Rettung der Ausdrucksform der freien Techno Party.

Zukunftsmusik e.V. setzt neue Akzente in den Bereichen Musik, Kommunikation und Kunst und ist repräsentativ für eine Vielzahl von künstlerischen Strömungen. Zukunftsmusik e.V. bietet nämlich ein Forum in dem Aktivisten und Konsumenten der verschiedenen Musik- und Lifestyle-Überzeugungen untereinander kommunizieren können, ihre Interessen vertreten und verwirklichen können, und vielleicht auch hin und wider gemeinsam feiern können. Nähere Informationen zu Zukunftsmusik e.V. sind unter folgender Anschrift erhältlich:

Zukunftsmusik e.V.

Im Schumachergewann 17

69123 Heidelberg

Eine andere Art der Auseinandersetzung mit Heidelbergs Vergangenheit scheint wohl der Ausflug in das konzessions-freundlichere Mannheim-Neckarau zu sein. Der Juni bringt den Auftakt eines neuen Konzeptes im M&S Connexion: der Club-Multiplex. Der Mai sah schon die Einweihung des neuen D-Man & Source Rec. Projektes HD-800 (im unteren Club des M&S), das jeden Freitag ausgefeilte Groove-Experimente betreibt und zu neuen Highs der Flyer-Kunst verleitet. Ab dem 7. Juni bekommt die Heidelberger Sounds of Life und Future Crew einen permanenten Freitags-Wohnsitz im oberen Club SOL. Der Eröffnungsabend wird von dem ehemaligen Drum Club Resident Craig Walsh bestritten, die Wochen darauf von diversen Techno- und Jungle Größen: Carl Craig aus Detroit (Planet E, R&S und Peacefrog Rec.) am 14.6., Simon Shurey des Universe-Klans (21.6.) und am 28.6. Randall und MC GQ.

Die ausgeprägte Club-Ästhetik soll aber keinesfalls den Tod der Großveranstaltung bedeuten: das hat der überwältigende Erfolg der letzten Sounds of Life demonstriert und so folgt am 5. Juni die Fortsetzung, wieder im M&S Connexion. Wieder treffen sich im Sinne der tribalen Verständigung die Diszipline Future-Jungle, urbaner Techno, lustvolles House und Ambient auf vier Ebenen. Und auch wieder wird das Line-Up großzügig gestaltet: für die Junglisten werden die Mannheimer DJ’s Tobi und Jonathan, LTJ Bukems Speed Club Partner DJ Lee und, zur Wiedergutmachung für seine Abwesenheit bei der Sounds of Life III, Alex Reece den Biwak rocken lassen. Oben in dem Techno-Vergnügungs-Dom werden Stacey Pullen aus Detroit (KMS Rec.), Dave Clarke (der Red-Trilogie) und Deutschlands Ambassador DJ Hell die Töne bis in das nächste Jahrtausend vorrücken lassen und im House-Keller bieten Lil’ Louis (French Kiss), Basti Schwarz und N-D (HD-800, Little Heaven, Intim-Bar) den passenden Soundtrack zu dieser Orgie von Licht, Ton und Körperbewegung. Karten sind in allen Filialen von Goa Records oder über CTS erhältlich. Preis: VVK 25,- DM, AK 30,- DM.

Juni ist auch der Monat in dem sich alte Jungle-Gesichter blicken lassen werden. Erstens begibt sich Meditation wieder in die Schlacht um die Jungle-Gunst , und wie massiv?! Am 15. Juni wird zum ersten Mal das Fundament der Speyerer Halle 101 auf Baßlinien-Verträglichkeit geprüft wenn Alex Reece, DJ Fabio, Jumping Jack Frost, Mickey Finn, Brockie, der Deejay E, Sebel und Bassface Sascha ihren Schwergewichts Drum’n’Bass bei MEDITATION IV – the voodoo session – auspacken werden. An MC’s sind wieder die Ragga Twins, MC Det, MC C dabei, sowie MC Cleveland Watkiss. Und könne man sich einen Jungle-Rave im Rhein-Neckar Raum inzwischen ohne Heimspiel der Bassline Generation vorstellen? Karten kosten 32,- DM (VVK) und 40,- DM (AK) und sind bei Goa Records und Humpty sowie über CTS erhältlich.

Wem’s nicht so knüppeldick mundet, der wird sich auf das neuartige Cluberlebnis im Loft, Ludwigshafen freuen. Am 21. Juni beginnt das High Times Kollektiv „SimStim – the neural network -“, das ausschließlich den Soul Surfer, den Casual Jazzual und den Future Ambienthead unter den Junglisten ansprechen wird. Die Veranstsltung wird dann einmal im Monat an einem Freitag fortgesetzt und soll einen Einblick in die laid-back Variante von Jungle geben. Eigentlich sehr ähnlich zu „A special Technique“ im Pro-Test jeden Donnerstag (Eintritt frei), nur daß „Simstim“ (kurz für Simulation Stimulation) bis 5 Uhr morgens geht…

À propos, ist das auch ohne Drogen zu schaffen. Zumindest wenn die Kunst um einem herum stimmt, wie bei der Fortführung des artmatazz ‘96 im Luftschutzbunker unter dem Schloß in Mannheim. Im Rahmen der artmatazz-Ausstellung diverser Künstler werden ab 24.00 Uhr am 1.6., 5.6., 6.6., 7.6. und am 8. Juni die lokalen Soundkünstler, u.a. Marc Bean, Lars M.O.D., Tobi K und D-Man (aka Hydroponics live) ihre eigenen Ton-skulpturen vorführen. Noch abstraktere Tonwerker können aber auch am 8. Juni in Heilbronn erlebt, diskutiert  und befeiert werden, wenn die Tension Records Artisten Abe Duque, Prozac, Jason Salway und Prototype 909 (live) den Instinct und Tension Sound in der Alten Gießerei präsentieren werden.

Die Tendenz in Richtung Sophistication leuchtet aber vielen gerade im Sommer nicht ein. Bevorzugt man lieber die Party so sieht der Sommer doch noch recht crazy aus. Bleiben wir in Heilbronn in der Alten Gießerei wo am 29. Juni die Chicago All-Stars (Felix da Housecat, Roy Davies und Harrison Crump) aus dem Hause Radical Fear einlaufen werden. Das Vibration hat bestimmt den Wetter-Gott bestochen damit die Beach-Bühne auch wirklich jeden Freitag und Samstag beschallt werden kann. Der 14. Juni sieht Performances der DJ’s Derrick May und Soundball vor für jeden, der bei der Sounds of Life III diese Plattendeckgenies verpasst haben mag und am 29. Juni groovt der Homebase zu den charismatischen House-Tunes der lokalen Jocks See-Base und Groover Klein.

Pächter der diesjährigen von Rinderwahn befallenen Sommernächte ist, wie üblich, das Normal, das für die crazy girls and boys das optimale Programm zusammengestellt hat: Dag am 20. Juni, Manchester’s Finest, Cruze & Vuish, am 28.6. und am 3. Samstag im Monat DJ Taucher sowie die sehr ausgelassenen Treibhaus-Clubnights jeden Sonntag ab 20.00 Uhr. Studieren wirklich so viele Raver?

Und doch existieren Oasen des Cool an den heißesten Plätzen: das Simplicissimus in Mannheim (U5, 13) öffnet wieder seine Türen zur Acid-Jazz/Rare-Groove Gemeinde am 7. Juni. Die Wiedereröffnungsparty heißt „Return to Planet Funk“ und kündigt die Wiederkehr der nachgefragten, eklektischen DJ’s Kummi und Ole an. Es ist nie zu heiß für Cappucino und Pollunder!

einstein, Das Stadtmagazin – 06/1996