Käufliche Sexualität wird als etwas ganz Natürliches betrachtet und hat nichts mehr mit von der Norm abweichendem Verhalten zu tun. Promis und Rapper bekennen sich offenherzig zu ihrem Pornokonsum. Online-Sexsucht, Sexoholismus, Pornoholismus, Cybersex, Orgasm Addict. Im Internet ist Pornografie an jeder Ecke zu haben. Bis zu 30 Prozent des gesamten WWW-Inhalts sollen erotischen Ursprungs sein. Hat sich nicht fast jeder schon mal ein Filmchen runtergeladen? Dass es dabei eine zunehmende Anzahl von Menschen gibt, die mit ihrem “Geil”-Sein überfordert sind und mit ihrem Pornokonsum nicht klarkommen, wird nur selten thematisiert. Die Folge: Orgasmussucht. Was ist, wenn der Konsum der Bilder zur Sucht wird?

Sitzung der Schwermütigen

Um das Phänomen zu verstehen, muss man mit den Betroffenen reden. Ohne kulturapokalyptischen Unterton. In Deutschland gibt es für Beratungssuchende nur eine Hand voll ernst zu nehmende Anlaufstellen. Zahlreicher sind die Selbsthilfegruppen, die sich in vielen Städten Deutschlands – und auf der ganzen Welt – zusammenfinden. Zu Besuch bei anonymen Pornoholikern: Kurz nach sieben Uhr abends in einem belebten Stadtviertel in einer deutschen Stadt. Die Stimmung ist angespannt, niemand ist hier in Plauderlaune.

“Hallo, ich heiße Daniel und bin sexsüchtig.” “Hallo Daniel”, antwortet die Runde. “Ja”, beginnt Daniel stockend, “früher habe ich Pornohefte gekauft, fand aber die Möglichkeiten der neuen Medien besser. So kam das Zeug frei Haus an, man musste nicht gebückt in Sex-Shops gehen und sich danach schämen. Ich bin hierher gekommen, um wieder die Kontrolle über meinen Konsum zu bekommen.” Es berichten alle von kleinen Erfolgen. Freude oder Stolz kommt nicht auf; Trostlosigkeit liegt über dem Raum. Das Selbsthilfeprinzip, das genau wie bei den Anonymen Alkoholikern oder anderen Gruppen für stoffgebundene Abhängige funktioniert, besteht darin, dass der Betroffene nur über sein Problem redet. Und darüber, wie er die Dämonen besiegt. Überzeugend wirken diese Siege selten.

Die Pornografisierung der Gesellschaft

Der medizinisch-psychiatrische Bereich ist für das Thema sensibilisiert und nimmt die Auswirkungen sehr ernst. Privatdozent Dr. Peer Briken, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Forensische Psychiatrie am Institut für Sexualforschung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, erklärt: “Wir reden von einer psychischen Störung. Die Definitionen sind jedoch recht unterschiedlich.” Erklärungsansätze zu den Prozessen, die sich durch den dauerhaften Konsum von Pornografie manifestieren, gibt es zuhauf. Für Dr. Briken entsteht ein Kreislauf über einen längeren Zeitraum, bei dem “sich eine neurobiologische Schleife mit Selbstverstärkung ergibt. Das Sammeln und Runterladen von Pornografie, Selbstbefriedigung und Orgasmus setzt körpereigene Belohnungseffekte in Gang. Gleichzeitig verstärken sich Scham- und Schuldgefühle beim Betroffenen und können zu einer psychischen Krisensituation führen, von der wiederum Betroffene beim Pornografiekonsum loskommen wollten.” So entstehe mit dem Konsum von Pornografie eine Art Narbe. Bei ständigem Konsum und starken Reizen – wie etwa durch Hardcore-Pornografie – kann sich eine Erinnerungsschablone etablieren. Anfällige Menschen aktivieren nur noch schwer ihre Filterfunktion.

Allein mit der Hand an der Maus
Dr. Wolfgang John leitet seit 14 Jahren in Hamburg die Beratungspraxis “Der Neue Mann”: “Diejenigen, die zu mir kommen, sind so tief drinnen, dass sie sich vor sich selber nur noch ekeln, sich selber nicht mehr verstehen. Die spüren, dass sie nicht bekommen, was sie sich ersehnt haben, also gehen sie weiter. Es ist eine sich weiter aufrecht erhaltende Sehnsucht, die man an einer Tastatur nicht befriedigen kann.”

Die geschätzte Zahl der Süchtigen schwankt. Religiöse Gruppierungen gehen in Deutschland von 600.000 Online-Sexsüchtigen aus. Sexualforscher/innen schätzen, dass zwischen drei Prozent und fünf Prozent der Bevölkerung ein hypersexuelles Verhalten aufweisen. Die Porno-Industrie hingegen stuft solche Zahlen als viel zu hoch ein. Rein rechnerisch müssten sonst ungefähr 25 Prozent der Gesamtbevölkerung in der einen oder anderen Form Pornografie konsumieren. Wie ein Hamburger Pornoproduzent und -verleger, der anonym bleiben will, an Hand seiner Verkaufszahlen belegt, sei “dies ganz bestimmt NICHT der Fall! Rein vom Verkauf her bedienen wir höchstens ein bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Da kann die Zahl der Süchtigen nicht höher als bei einem Prozent liegen.” Derzeit sei ein krasser Anstieg beim Pornokonsum zu verzeichnen, begünstigt durch die Anonymität im Internet. Dafür ist das Angebot der beste Beweis. Wenn eine Firma im Monat zwischen 1.200 und 1.400 Filmausschnitte innerhalb ihres Online-Angebots kursieren lassen kann, so der Hamburger Pornoproduzent, muss die Nachfrage Schwindel erregend hoch sein. Was das für die Zahl der Suchtopfer bedeutet, berichtet Dr. Briken: “Jährlich müssen wir am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf viele Hilfesuchende wegschicken. Patienten gibt es genug.” So bleiben denjenigen, die aus ihrem Kreislauf ausbrechen wollen, wenige Alternativen: Entweder sie finden sich im Internet in den Chat-Rooms für Betroffene zurecht oder sie treten den Gang zum Psychiater oder einer Selbsthilfegruppe an.

Vom Konsum zur Sucht

Pornosucht ist ein subjektives Gefühl der Abhängigkeit. Als nicht stoffgebundene Sucht ist sie nach außen nicht erkennbar. So konstatierte eine in den USA veröffentlichte Studie, dass die Bezeichnung “porn addict” nicht nur sehr stark vom Empfinden des Betroffenen abhängt, sondern auch vom behandelnden Arzt: Ärztinnen tendieren weniger dazu, ihren Patienten das Prädikat “pornoabhängig” aufzustempeln als Ärzte. Religiös motivierte Therapeuten/innen diagnostizieren Pornosucht durchschnittlich deutlich öfter. Betroffen sind sowohl einsame Männer als auch sexuell aktive Männer. Häufige Ursache sei der Mangel an Kommunikationsfähigkeit. Der Großteil der Wissenschaft ist sich auch einig darüber, dass Pornosucht wenig mit Sex zu tun hat. Anders gesagt, Pornoholiker beschäftigen sich nicht im eigentlichen Sinne mit Sex. Der Hamburger Arzt Dr. Briken stellt den Umgang mit Internet-Pornografie als ein Ausweichverhalten dar, bei dem die Sexualität aus der Beziehung ausgelagert wird. In seinem “Pornosucht Ratgeber”-Buch (das im Internet als eBook erhältlich ist) nennt der Psychotherapeut und Sexualratgeber Dr. Mario Brocallo zehn mögliche Gründe für Pornoholismus, unter anderem: Einsamkeit und Isolation, mangelnde Körperlichkeit, Langeweile sowie Stress und Stressvermeidung.

Der Austausch von Worten und Körperflüssigkeiten

Für Dr. John liegt eine wesentliche Ursache in der mangelnden Fähigkeit der Pornoholics zur erotischen Kommunikation mit ihrem jeweiligen Partner. “Die Menschen haben die beste Sexualität, welche am besten miteinander kommunizieren. Bei unseren Abhängigen wird dagegen einseitig nur etwas abgerufen.” Online-Pornografie gibt dem Konsumenten am Bildschirm die Illusion der ungestörten Nähe mit einer Person. Ein Trugschluss. Sex ist in unserem Leben eine zu starke Kraft. Im Gegensatz zu Alkohol ist Sexualität ein Grundbedürfnis, das uns naturgegeben ständig umtreibt und nicht los lässt. So versucht Dr. John Pornoholiker nicht vom Sex abzuhalten, sondern sie im Gegenteil wieder an “echten Sex” heranzuführen. Für Dr. John ist das Ziel einer Therapie nicht die Abstinenz, sondern die lebendige Sexualität. Geteilt mit einem Partner.

Publication fluter.de
Date 07-05-2008
Job Description Feature
Industry Media
Link Orgasm Addict