2011 bekamen Leser Überschriften wie “Finanz-Fukushima”, “Gelduntergang”, “Erdbeben-Inferno”, “Monster-Hurrikan” oder “Super-GAU in Japan” gleich massenweise morgens am Frühstückstisch oder im Internet zu lesen. Der subjektive Eindruck lässt nicht nach, wir haben es mit einer nicht enden wollenden Kette an Krisen zu tun, die sich in ihrer Brisanz von Mal zu Mal steigern – egal ob Finanz-, Umwelt- oder Atomkrise. Wer in seinem Freundeskreis nachfragt, bekommt auch schnell die Meinung bestätigt, dass sich die Anzahl der Krisen häuft und dass es für die Zukunft der Menschheit düster aussehe. Die Umwelt droht aus dem Ruder zu laufen, in der Politik stehen die Zeichen auf Revolution, und dem Kapitalismus, der so lange unsere Miete gezahlt hat, droht der komplette Zusammenbruch. Fast könnte man zu dem Schluss kommen, wir befinden uns in einem vorapokalyptischen Zeitalter.

Dabei hat die Menschheit zur Genüge Krisen erlebt und überwunden. Nur um eine Hand voll zu nennen, lösten sich in den letzten 40 Jahren die Ölkrise Mitte der 1970er-Jahre, das Waldsterben in den 1980er-Jahren, die Asienkrise Ende der 1990er-Jahre in den Tiger-Staaten, die dann zur Argentinienkrise führte, das Jahr-2000-Problem, der islamische Terror, die Krise der New Economy ab, die doch wieder überwunden wurden oder sich als Mythen entpuppt haben. Ganz zu schweigen von BSE, EHEC, SARS und der Schweinegrippe. Dennoch lassen die Medien nicht davon ab, uns weismachen zu wollen, dass die Lage immer wieder desaströs und – seit neustem – vermeintlich alternativlos ist. Die Frage, die sich dabei unweigerlich stellt: Wovon gibt es tatsächlich mehr, Krisen oder Krisenberichterstattung?

Alarmistische Glocken oder nur Alarmglocken?

Was die Umwelt betrifft, muss Jochen Schildt, Chefredakteur vom Greenpeace Magazin, nämlich zu einer nüchternen Feststellung kommen. “Man kann nicht sagen, dass Naturkatastrophen, die mit der Erderwärmung zusammenhängen, wie etwa tropische Wirbelstürme, zahlreicher geworden sind.” Aber: “Sie sind tatsächlich heftiger. Weil die Erderwärmung gerade so heftige Reaktionen verursacht, überrascht und ängstigt das die Menschen sehr. Das ist keine Panikmache; das muss man so feststellen.” Eine erfreuliche Entwicklung erkennt Schildt dennoch an der gesteigerten Aufmerksamkeit für Umweltthemen.

Wo die Tagespresse früher nach den Atomreaktorunfällen in Sellafield, Harrisburg und Tschernobyl schneller wieder zur Tagesordnung zurückkehrte, werden heutzutage die Ereignisse tiefgehender diskutiert. Wie Schildt erklärt, “gerade wegen der Erderwärmung und auch der Folgen, die Naturkatastrophen auf die Menschheit haben, werden heutzutage die Wissenschaftsredakteure ernster genommen. Auch wenn Medien wie Bild und Spiegel die Gefahr der Atomkraftwerke oder grüne Themen insgesamt in der Vergangenheit gerne runtergespielt haben, kommen doch heutzutage kluge, ausgewogene Debatten häufiger in der Presse zustande, vor allem in den Feuilletons.” Gerade bei hochkomplizierten naturwissenschaftlichen Prozessen wie dem Treibhauseffekt sind Journalisten gefragt, als Dolmetscher der Wissenschaft vor der Leserschaft aufzutreten. Nicht als hysterische Stimmen, die die Stimmung aufheizen. Letzten Endes geht es auch darum, der Leserschaft eine Perspektive zu bieten, anstatt ein Bild von Armaggedon. Wie Schildt resümiert, “muss guter Journalismus Lösungen beinhalten. Wenn man Leute mit Schreckensmeldungen überflutet, stumpfen sie natürlich ab.”

Im Thema eingebettet

Im Falle der Finanzkrise stellt Olaf Wittrock fest, wurde 2008 nicht genügend gewarnt. Wie der freie Finanzjournalist und Dozent an der Kölner Journalistenschule beobachtet hat, fehlte vielen Wirtschaftsjournalisten die nötige kritische Distanz zu ihrem Themengebiet. “Gerade bei der Finanzkrise 2008 kam zutage, dass viele Finanzjournalisten Teil der Kaste sind, über die sie berichten, und deswegen die Folgen der Finanzkrise nicht so ernst genommen haben”, erklärt Wittrock. Erst als mit dem Sturz der Lehman Brothers Bank der Ernst der Lage klar wurde, schwenkte der Ton in Warnung um. Die Berichterstattung von der Finanzkrise 2008 unterscheidet sich von der in 2011 nach seiner Ansicht in einem wichtigen Punkt: “Die Ereignisse wandern auf die Titelseiten und ihnen wird eine viel größere Bedeutung beigemessen”, findet Wittrock. Anstatt der Wirtschaftsredakteure, die 2008 nicht genug vor der Schwere der Krise gewarnt hatten, widmen sich jetzt auch Politikredakteure dem Thema.

Von Diskrepanzen zwischen der Hysterie in den Medien und dem eigentlichen Ernst der Lage kann Hans Mathias Kepplinger, Professor für Empirische Kommunikationsforschung an der Universität Mainz, einiges berichten. “Es gibt Fälle, in denen die Berichterstattung deutlicher, erkennbarer von der Wirklichkeit abweicht, als der Anlass gebietet”, sagt der Medienexperte. “Eine solche Diskrepanz gab es bei EHEC, wo die Berichterstattung in keinem vertretbaren Verhältnis zu der Sachlage stand.” Dabei geht es Kepplinger um die Auswirkungen der Krise. Mit ihrem Augenmerk auf die 50 Menschen, die in wenigen Wochen gestorben waren, blieb in den meisten Meldungen unerwähnt, dass “während der gleichen Zeit in Deutschland mindestens 1.200 Menschen an Infektionen sterben, die sie sich im Krankenhaus zugezogen haben. Und zwar permanent. Daraus macht niemand einen Skandal.”

Dahinter steckt das Kalkül von Zeitungen, TV-Sendern und Radiostationen. Kepplinger: “Wenn ich ein maximales Publikum erreichen will, und das wollen alle Medien, dann muss ich mich auf die Fälle konzentrieren, die die stärkste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das sind nur wenige, die anderen Fälle gehen unter, und die Konzentration auf den Extremfall nimmt immer mehr zu.”

Immer live dabei, nur bei was?

Der Nachrichtenstrom ist zum Echtzeitphänomen geworden, und die 24/7-Nachrichtensender im Internet und im Fernsehen versuchen dieser Entwicklung Rechnung zu tragen. Dabei haben gerade die englischen und US-amerikanischen Dauernachrichtensender die Kunst der Nicht-Meldungen perfektioniert. Beliebt sind beispielsweise Live-Schaltungen zu leeren Podesten, bevor dort Politiker Reden oder Statements halten. Auch Kepplinger muss, beispielsweise zur Finanzkrise, konstatieren: “Das Problem liegt bei der langsamen Geschwindigkeit der Verhandlungen und der permanenten Berichterstattung, die den Eindruck erweckt, es müsse jetzt was ganz Dramatisches passieren.” Gemessen an der verfügbaren Zeit für Nachrichten geschieht einfach zu wenig.

Es gibt Indizien dafür, dass wir als Rezipienten das Weltbild der Krisenlage kultivieren – und auch kultivieren wollen. In den 1970ern fand Medienwissenschaftler George Gerbner heraus, dass Vielseher von Fernsehen ein verzerrtes Weltbild haben, sprich: Die Welt für schlimmer halten, als sie tatsächlich ist. Zwar wird heute immer wieder behauptet, es wird weniger Fernsehen geguckt, dafür kriegen wir über Internet, Presse, TV, iPhone, U-Bahn-Nachrichten eine Art dauerhafte Berieselung der Nachrichten mit. Ohne es zu merken, nehmen wir heute mehr Nachrichten wahr als zuvor. Wie Kepplinger zur Finanzkrise herausgefunden hat, werden Menschen mit Informationen bombardiert: “Selbst wenn man nur eine Zeitung liest, Autoradio hört und Fernsehnachrichten schaut, wird der Konsument innerhalb kürzester Zeit mit hunderten von Berichten zu diesem Thema konfrontiert, die seine Verarbeitungskapazität deutlich überfordert.”

Das Problem: Die Leser, Hörer, Zuschauer warten gespannt auf Meldungen über Krisen und Katastrophen. Das Argument, wonach wir unsere tägliche Krise brauchen, kann Kepplinger bestätigen: “Zunächst gibt es das Interesse der Bevölkerung an diesen Extremfällen – und das war schon immer so”, betont er und verweist auf die Folgen. “Darauf reagieren die Medien, und je stärker der Wettbewerb wird, desto mehr passen sie sich diesen Vorstellungen an, mit der Konsequenz, dass er zu einer Kultivierung dieser Vorstellungen führt oder zu einer Erwartungshaltung in der Bevölkerung beiträgt. Das ist ein rückgekoppelter Prozess.”

Publication fluter.de
Date 08-11-2011
Industry Media
Link Krisen-News: Apocalypse Lau!