Es ist der erste Frühlingstag des Jahres, und Jan von Borstel nutzt die Gelegenheit, in seinem Speedboot zu unserem Treffpunkt in der Hamburger Innenstadt angerast zu kommen. Keine Luxusyacht also, die sanft über die Wellen gleitet, sondern ein Marine-Schlauchboot, das den Passagier eisenhart jede Welle der Elbe spüren lässt.

Eine halbe Stunde später, komplett durchgeschüttelt und durchgepustet, sitzen wir in seinem Atelier mitten in der Altstadt der Elbinsel Finkenwerder. Wie uns der Gang durch die engen Gassen der Fachwerkhäuser offenbart hat, ist es ein Viertel mit viel Tradition. Vor allem Handwerk hatte hier einen hohen Stellenwert: Früher belieferten die hier ansässigen Werkstätten der Bootsbauer, Segelmacher, Glaser und der Gießereien die lokale Fischkutterflotte.

Heute ist Jan von Borstel einer von einer Handvoll Designern weltweit, die in der Parfümindustrie darüber entscheiden, wie ein Duft verpackt, präsentiert und an die Kundschaft vermarktet wird. Wer so einen Job macht, muss sich mit Ästhetik und Schönheit auskennen. Schließlich geht es um hochemotional begründete Kaufentscheidungen, die blitzschnell gefällt werden sollen, oft nur auf Grund der Schönheit eines Flakons. Nach seinem Studium als Industriedesigner an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und später am Royal College of Art in London hat er für Gabellini Architects in New York und als Kreativdirektor für Prada Beauty in Barcelona gearbeitet. Heutzutage arbeitet er mit seinen janvonborstel-studios unter anderem in Paris für Yves Saint Laurent und Armani. Eine Diskrepanz zwischen seinem robust-dörflichen Hintergrund als Schmiedesohn und der filigranen, kosmopolitischen Welt der Haute Couture und Schönheit sieht er nicht. Für Jan von Borstel ist Schönheit das Resultat der selten gewordenen Kunst des handwerklichen Geschicks. Struktur und Funktion eines Objekts und Sensibilität für die Schönheit und Haptik stehen dabei nicht in Opposition zueinander, sondern bedingen sich gegenseitig.

Wie kam es dazu, dass ein Finkenwerder ‚Jung’ nicht nur in den großen Metropolen der Welt für die Modeindustrie arbeitet, sondern auch zur Formsprache dieser Industrie einen so entscheidenden Beitrag leistet?

Ich würde sagen, den Erfolg verdanke ich in erster Linie meiner Leidenschaft für das Handwerk. Bereits als Kind durfte ich hier in Finkenwerder in befreundeten Handwerksbetrieben „spielen“, experimentieren und mitarbeiten. So kitschig, wie es klingt, ich stand wirklich als kleiner fünfjähriger Buttje auf der Apfelkiste bei meinem Vater in der Schmiede am Amboss und hatte dort großen Spaß, Sachen für mich zu basteln. Das war keine Selbstverständlichkeit. Für ein Kind in meinem Alter war das quasi eine lebensgefährliche Umgebung – etwa wenn man auf glühendem Eisen herumhämmert… Meine erste Jolle habe ich später beim Bootsbauer unten an der Süderelbe gebaut und danach beim Segelmacher meine Persenninge nähen dürfen. Dadurch, dass ich mich damals in vielen verschiedenen Werkstätten ausprobieren konnte, interessieren mich noch heute die Kontraste zwischen den verschiedenen Materialien und ihrer Haptik. So ist der Weg von dort in die Luxusindustrie kürzer als man denkt. Für mich ist es egal, ob ich einen Flakon für eine Luxusmarke oder eine Porzellan-Filz-Tasse für meine Freunde entwerfe: Für mich steht der Spaß, schöne Dinge zu kreieren, im Vordergrund.

Heutzutage, wo so vieles vom Rechner kommt, wird dem Handwerk wieder eine wachsende Bedeutung beigemessen, vor allem qualitativ. Geht mit handwerklichem Wissen ein anderes ästhetisches Verständnis einher? Wohnt Objekten, die von Hand gemacht werden, eine andere Schönheit inne?

Davon bin ich fest überzeugt. Die Ästhetik, die sich aus dem Handwerk entwickelt, ist definitiv eine besondere. Ich gestalte bestimmt ganz anders als jemand, der nie etwas mit der Hand gemacht hat, und auch ganz anders als jemand, der unter Zeitdruck mit ein paar Klicks komplexe dreidimensionale Formen am Bildschirm quasi per Zufall bauen, verzerren und skalieren muss. Natürlich baut jeder Designer im Studium mal Modelle mit der Hand, aber mein Glück war es schon vor dem Studium, mit echten Materialien, echten Maschinen und vor allem mit bodenständigen Handwerkern üben zu dürfen.

Ich arbeite in meiner Ästhetik immer handwerks- und materialgerecht, dennoch versuche auch ich, die natürlichen Grenzen eines Materials auszureizen, oft sehr zum Leidwesen meiner Handwerker, von denen ich mir dann anhören darf: “Jan, Deine Schale geht nu’ mal nich’ in Glas, die is’ zu groß!” Und dann muss ich gemeinsam mit den Handwerkern Lösungen finden, die das Unmögliche möglich machen. Dieses direkte Arbeiten am Material ist das Schönste an meiner Arbeit.

Das heißt auch, dass das handwerkliche Verständnis zu einem anderen Design führt?

Ja, durch das, was ich „Materialgefühl“ nennen würde, kann ich zum Beispiel die Kurven, Geraden, Kantenradien und Materialstärken einer Tasse für eine traditionelle Handwerksproduktion bereits im Entwurf ganz anderes bestimmen. Auch die Materialauswahl bedenke ich bereits in den ersten Skizzen. Schönheit ist für mich, wenn sich eine klare Formsprache aus dem Zusammenspiel von Handwerk, Material und Form ergibt.

Deine Objekte werden oft dem Bauhaus oder dem Modernismus zugeordnet. Wird damit vorrangig die Ästhetik oder der Entstehungsprozess angesprochen?

Das muss nicht getrennt werden. Für mich gehören Entstehungsprozess und Formsprache zusammen. Es gibt ja die Maxime „form follows function“. Dazu gehört auch das, was ich mit „materialgerecht“ meine. Also auch das Material gehört zur Funktion. Man kann nicht jedes Material in jede Form zwingen.

Was uns zu einem wichtigen Punkt bringt: Sensibilität. Gerade bei Parfüms hat man es ja mit einem emotionalen Produkt zu tun, das zur Schönheit der Trägerin beitragen soll. Müssen Flakon und Verpackung also eine ebenfalls emotionale Schönheit transportieren?

Ja, absolut. Und das muss ganz schnell gehen. Die Kundin muss quasi schon am Ladeneingang abgeholt werden. Sie muss möglichst schnell dazu gebracht werden, den Duft zu probieren. In der ersten Phase sieht sie eine Wand voll von Parfüms: Das Design muss dafür sorgen, dass sie einen Duft überhaupt näher betrachten will. Da geht es also erstmal um eine Fernwirkung. Beim Näherkommen dann um eine weitere Überraschung, damit sie sich mit dem Objekt, dem Produkt noch näher auseinandersetzen will. Also, erstens muss sich die Kundin denken: Ich will da hin. Zweitens: Wow, ich will es anfassen. Drittens: Ich will es riechen. Statistisch gesehen, steigt dann die Wahrscheinlichkeit, dass ein Produkt in dieser dritten Phase auch gekauft wird um ein Vielfaches.

Es lässt sich aber nicht leugnen, dass der Sinn für Ästhetik in Finkenwerder ein anderer ist als in beispielsweise London oder Paris. Wie sieht das Zusammenspiel zwischen Provinz und Metropole aus – gerade in Puncto Schönheitsideale?

Jeder Entwurf, den ich mache, ist die Summe aller Informationen und Inspirationen, die ich bis dato gesammelt habe. Die Welt, in der ich lebe, besteht nicht nur aus der Reibung zwischen Metropole und Provinz oder zwischen Trendmagazin und wahrem Leben. Inspiration sammle ich genauso im Museum in London wie in einer Glasmanufaktur auf dem Land. Hier wie dort kommen mir die Ideen, die in meine Flakon-Entwürfe einfließen. Aber nur hier auf Finkenwerder komme ich wirklich runter. In Paris oder London, in Großstädten überhaupt, lasse ich mich gern auf die „Heavy Rotation“ ein. Auf Dauer finde ich es aber schwierig, in der Stadt zu funktionieren. Nach zwei Wochen Hektik brauche ich erstmal ein paar Wochen Ruhe. Hier kann ich die Eindrücke gut sortieren, verarbeiten, verdauen und ganz entspannt mit in die Arbeiten einfließen lassen. Ich wohne lieber in Finkenwerder und fahre raus in die Welt als umgekehrt.

Deine Entwürfe haben eine gewisse Zeitlosigkeit, wirken nicht so schnelllebig.

Ja, klar! In der Ruhe kommt auf jeden Fall eine andere Ästhetik zustande als in einer flirrenden Metropole.

Kommt es also zu Ermüdungserscheinungen, wenn man in der Luxus-, Mode- und Schönheitsindustrie von so viel ästhetisch Hochwertigem umgeben ist? Verliert man den Blick für das, was als schön bezeichnet werden kann, oder intensiviert er sich?

Ich kann eigentlich keine Ermüdungserscheinungen feststellen. Mein Gefühl und meine Neugier für Form und Material habe ich immer noch. So was kann nicht abstumpfen oder verschwinden. Was sich vielleicht ändert, ist, dass man professioneller wird mit der Zeit, dass man einfach schneller, effizienter ist, weil man bereits ein Riesenrepertoire auf Lager hat und die Wege und Teams gut eingespielt sind. Und wenn es um den Blick für das Schöne geht: Was mich neulich so schwer beeindruckt hat, dass ich es filmen musste, war, als ich auf der zugefrorenen Süderelbe Schlittschuh laufen war und full speed mit meinem Eishockeyschläger eine feine Welle durch die hauchdünne Schneeschicht gezeichnet habe.

Publication FALL Magazin, Hamburg
Date April 2012
Job Description Interview/Feature
Industry Journalism
PDF FALL Magazin