Mit seiner Anthologie “Rauschblüten – Literatur und Drogen von Anders bis Zuckmayer” hat Stephan Resch, Dozent für Germanistik an der University of Auckland in Neuseeland, die einzige umfassende Bestandsaufnahme zum Thema Drogen in der deutschen Literatur herausgegeben. Der Themenkomplex interessierte Resch bereits in seiner Studienzeit. Wenn man über Drogen nachdenkt, dann muss man immer den größeren Kontext sehen, findet er – dazu gehören die Absichten und Erwartungen der Benutzer/innen; das Setting, in dem die Droge eingenommen wird; die pharmakologischen Eigenschaften der Substanz; ihr gesellschaftlicher Status sowie der Balanceakt zwischen Stimulation und Abhängigkeit. Über die Schnittstellen in der Drogenliteratur sprach Oliver Köhler mit Stephan Resch.

Oliver Köhler: Bereits in der Antike, in Homers “Odyssee” und in der indischen “Rigveda”, finden sich erste Hinweise auf Drogengebrauch. Wie weit reichen in der deutschen Literatur die Referenzen zurück?

Stephan Resch: Das kommt ganz darauf an, wie man Drogenliteratur definiert. Wo fängt man an? Bei mittelalterlichen Trinkliedern, bei Novalis? Natürlich lassen sich bei Letzterem Anspielungen auf das Opium finden, ebenso wie in Schlegels “Lucinde”. Aus dem 19. Jahrhundert gibt es auch einige humoristische Behandlungen der Effekte verschiedenster Rauschmittel – etwa von dem Arzt und Psychiater Ernst Freiherr von Feuchtersleben, der 1844 in einem kleinen Büchlein die Rauch- und Trinkgewohnheiten seiner Zeitgenossen pointiert wiedergibt.

In Wilhelm Buschs Bildgeschichte “Krischan mit der Piepe” von 1864 erfährt ein ungezogener Junge die Effekte des Cannabiskonsums aus erster Hand. Aber einen De Quincey oder Baudelaire gab es bis zum 19. Jahrhundert in Deutschland nicht. Erst dann entwickelten deutschsprachige Schriftsteller ein tiefer gehendes Interesse für das Thema. Zu diesem Zeitpunkt wird der Zusammenhang zwischen Rauschmitteln und dichterischer Kreativität systematisch von ihnen ausgeleuchtet – und das ist ja, wie ich finde, eine ganz zentrale Fragestellung in der Drogenliteratur. Der Impetus dazu ging, wie so oft, von der französischen und englischen Literatur aus.

Wenn heute Goethe oder Schiller noch leben würden, müssten sie sich vor dem Betäubungsmittelgesetz fürchten?

Goethe und Schiller waren den Rauschmitteln nicht abgeneigt, aber wirklich Besorgnis erregende Ausmaße nahm es doch nicht an. Schiller fand bekanntlich, dass der Geruch faulender Äpfel in seiner Schreibtischschublade beim Schreiben hilft. Goethe lehnte nie einen guten Tropfen ab; die Vermutung jedoch, dass beide zusammen in Jena mit Haschisch experimentiert haben, hat sich letztendlich als Zeitungsente erwiesen.

Wechselspiel von Rausch und Schreiben

Welche berühmten Schreiber und Schreiberinnen waren denn süchtig?

Einige Schriftsteller sind der Droge ganz und gar verfallen und letztendlich auch an ihr gestorben. Georg Trakl und Walter Rheiner gehören zu dieser Gruppe, ebenso wie Klaus Mann und Hans Fallada. Jörg Fauser gelang gerade noch rechtzeitig der Absprung, nachdem er monatelang als Opiumjunkie in Istanbuler Dachmansarden verbracht hatte. Er ist auch ein literarischer Ausnahmefall, denn für ihn hat der kreative Kick des Schreibens die Abhängigkeit ersetzt. Bei Fallada überschnitten sich Droge und Schreiben nie, standen aber in ständigem Wechselspiel miteinander.

Gibt es denn Literaten, die verantwortungsbewusst mit ihrem Rausch umgingen?

Wenn es um den kontrollierten Umgang mit Drogen geht, nimmt Ernst Jünger einen sehr wichtigen Platz ein. Jünger erhofft sich anfangs von seinen Drogenexperimenten eine Steigerung seiner künstlerischen Kreativität. Er führt Selbstversuche mit verschiedenen Drogen durch – Opium, Äther, Cannabis, Kokain –, dokumentiert die Effekte, versucht ihren künstlerischen Nutzen einzuschätzen und greift danach nie mehr zu der gleichen Droge. Nach dem Krieg experimentiert er zusammen mit Albert Hofmann mehrmals mit Meskalin und LSD als “Einstieg” in geistige Welten. Und auch hier ist ein distanziertes Verhältnis zur Droge offensichtlich. Für mich ist Jüngers Erzählung “Besuch auf Godenholm” nach wie vor eine der besten literarischen Umsetzungen eines LSD-Trips.

Berauschte Erlebnisberichte

Was kommt häufiger vor: Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die Drogen genommen haben, oder Literatur, die Drogen behandelt?

Sicherlich die erste Gruppe. Drogenliteratur geht meistens vom berauschten oder vom süchtigen Autor aus. Und selbst Bücher, die sich hauptsächlich mit der Droge beschäftigen, sind ja auch gleichzeitig Beschreibungen einer berauschten, meist am Autor orientierten Figur. Es gibt in der Drogenliteratur also eindeutig eine Tendenz zum autobiographischen Schreiben.

Haben trotzdem Autoren, die keine Drogen genommen haben, authentische Werke hingelegt?

Die große Mehrheit der Schriftsteller, die über Drogen schreiben, geht von der eigenen Erfahrung aus – das fängt bei De Quincey und Theophil Gautier an und setzt sich bis in die Gegenwart fort. Literaten, die ganz ausdrücklich die Notwendigkeit persönlicher Drogenerfahrung abstreiten, sind selten, aber deswegen nicht weniger interessant.

Der österreichische Schriftsteller Peter Rosei hat das, wie ich finde, einmal sehr passend ausgedrückt: Die Arbeit eines Schriftstellers besteht darin, dass er nicht Drogen nehmen muss – er kann es sich vorstellen. Rosei hat das sehr überzeugend in seinem Kriminalroman “Wer war Edgar Allan” vorgeführt, in dem die Wahrnehmung des Protagonisten zunehmend vom Kokainkonsum beeinträchtigt wird.

Gibt es bestimmte literarische Genres, die sich besser als andere für das Thema Rauschmittel eignen?

Der autobiographische Roman gewinnt hier das Rennen eindeutig. Kriminalgeschichten lassen sich ebenfalls gut mit Rauschmitteln verbinden, wie etwa Jörg Fauser, Peter Rosei, Friedrich Glauser oder Otto Rung erfolgreich gezeigt haben. Eher selten ist die humorvolle Behandlung von Drogen und Drogenerfahrungen. Martin Suter hat mit seinem Roman “Die dunkle Seite des Mondes” einen köstlich ironischen Beitrag zu den oft bierernsten literarischen Trip-Beschreibungen geleistet.

Drogen in der Gegenwartsliteratur

In England entstand in den späten 1990ern mit der Ecstasy-Welle eine neue Generation an Schreibern. Deutschland hatte zu der Zeit seine Popliteraten. Haben Autoren wie Eckhart Nickel einen festen Platz in einer Drogenliteraturgeschichte?

Richtig, und auch Alexa Hennig von Lange oder Rainald Goetz, der zwar nicht zu den Popliteraten gezählt werden kann, mit “Rave” aber sicher eines der wichtigsten Bücher zur Technobewegung und ihrem Ecstasy-Konsum geschrieben hat. Ich bezweifle, dass man sich in 20 Jahren noch an viele dieser eher seichten Pop-Texte erinnern wird. Bei Goetz jedoch geht es um die Integration des Drogenkonsums in die Subkultur des Raves. Ich finde das deswegen interessant, weil hier zum ersten Mal die Drogenbenutzung literarisch weder als egozentrisches Experiment noch als Studie eines Persönlichkeitsverfalls dargestellt wird, sondern als Versuch, im Rausch der Droge und der Musik eine Verschmelzung mit der Masse der tanzenden Menschen zu erreichen.

In der öffentlichen Debatte sind Rauschmittel zurzeit geradezu ein vernachlässigtes Thema. Ist es in der Literatur ähnlich?

Natürlich hat sich der Drogengebrauch auch in der Literatur “normalisiert”. Noch in den sechziger Jahren war LSD Sinnbild der jugendlichen Protestkultur mit all ihren hochgesteckten gesellschaftspolitischen Zielen. Man versprach sich Einsichten von der Droge, die keine chemische Substanz erfüllen kann. Ecstasy, Kokain und Cannabis werden heute in der Literatur eher beiläufig thematisiert, da sie, trotz Illegalität, praktisch Teil der Konsumgesellschaft geworden sind. Kein Schriftsteller wird sich ernsthaft von Rauschmitteln gesellschaftsverändernde Erkenntnisse erwarten und darüber schreiben. Für den Konsum gilt viel eher, was Rainald Goetz dazu in “Celebration” geschrieben hat: “Einpfiff, Einwurf, Ende, Abfahrt” – eine Entzauberung der Drogeneinnahme. Dennoch begegnet eine neue Generation den alten Substanzen mit ganz neuen Fragestellungen. Ann Marlowe hat zum Beispiel mit ihrem Buch “Gerade Linien” der literarischen Behandlung von Heroin ganz neue Impulse gegeben. Ein Ende der Drogenliteratur ist also, entgegen der Voraussage von William Burroughs, vorerst nicht abzusehen.

Publication fluter.de
Date 08-12-2010
Industry Media
Link/PDF “Ein Ende der Drogen-Literatur ist nicht abzusehen”