Es gibt keinen Coalhouse Walker. Auch wenn er in der berühmten Bibliothek des New Yorker Bankiers J.P. Morgan für eine kurze Zeit die “Provisorische Amerikanische Regierung” ausrief. Und auch wenn der afroamerikanische Menschenrechtler Booker T. Washington mit ihm Verhandlungen führte. Und auch wenn er seinen Lebensinhalt damit verdiente, die Musik des Ragtime-Komponisten Scott Joplin zu spielen: Coalhouse Walker hat nie existiert. Walker, Protagonist in Edgar Lawrence Doctorows Bestseller-Roman “Ragtime” von 1975, mag vielleicht mit einigen prägenden historischen Persönlichkeiten interagiert haben – letzten Endes aber stirbt er in einem fiktiven Kugelhagel. Sein Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit dagegen lebt weiter in dem Gedankengut der afroamerikanischen Bürgerrechts- und Selbstschutzbewegung der Black Panthers.

 

Geschichte remixed

Der zweite Roman des jüdisch-amerikanischen E.L. Doctorow ist das, was in der Literaturwissenschaft als revisionistisch bezeichnet wird: eine Neuschreibung der Geschichte, in diesem Fall der sozialen Umbruchzeit der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in den USA. Der Roman schaut dorthin, wo die Lehrbücher Leerstellen aufweisen: an die Ränder der Gesellschaft, dahin, wo keine tragenden Entscheidungen gefällt werden, dahin, wo der amerikanische Traum geplatzt ist. Und dahin, wo – gerade in Amerika – Musik und Gesellschaft eng miteinander verwoben sind und wo diese Verwobenheit auch politische Auswirkungen hat. Wenn auch nur begrenzt.

Was “Ragtime” so bezeichnend macht in der amerikanischen Literatur: Der Autor vermengt und verknotet seine Fiktion zwanglos mit Fakten. So wird von drei fiktiven Familien in New York erzählt: einer aus der aufstrebenden Mittelklasse, einer afroamerikanischen Familie aus dem Arbeitermilieu und einer jüdischen Migranten-Familie. Zu den fiktiven Charakteren gesellt sich noch eine ganze Hand voll realer Figuren – unter anderem der Entfesselungskünstler Harry Houdini, der Autobauer Henry Ford, die Friedensaktivistin und Anarchistin Emma Goldman, die Schauspielerin Evelyn Nesbit, Erzherzog Franz Ferdinand, der Tiefenpsychologe Sigmund Freud, der Psychiater Carl Jung und der mexikanische Revolutions-Anführer Emiliano Zapata.

Neben der Erzählung vom Aufstieg und Fall von Harry Houdini in der ersten Hälfte des Romans ist Coalhouse Walker der Protagonist des zweiten Teils. Als dem Musiker auf dem Weg zu einem Konzert sein Auto von einer Gruppe weißer Amerikaner zertrümmert wird, weigert er sich, sein Schicksal einfach hinzunehmen. Walker lehnt sich auf, bis zu dem Punkt, an dem er mit einer Gefolgschaft, der “Provisorischen Amerikanischen Regierung”, den USA formell den Krieg erklärt.

Durch die Brille der Gegenbewegung

Das ist nicht unbedingt der Stoff, aus dem die Anfänge des 20. Jahrhunderts sind. Auch die Musik, die Anfänge des Jazz, die Doctorow immer wieder in den Roman einbaut, spielte damals eine gesellschaftliche, kaum aber eine politische Rolle. Doch das scheint Doctorow nicht zu kümmern. Warum? Als er 1969 seinen Broterwerb als Redakteur aufgab und seinen ersten Roman “The Book of Daniel” schrieb, war die Hippie-Bewegung gerade auf Hochtouren. In kaum einer Epoche davor war die Verbindung von Musik und Politik so sehr gefördert wie in den 1960er-Jahren. Und gerade für die amerikanische Kulturgeschichte markiert diese Zeit eine gewaltige Zäsur.

Vor diesem Hintergrund schrieb Doctorow 1975 “Ragtime”, sein erfolgreichstes Buch. Die kritische Perspektive, aus der er die Anfänge des 20. Jahrhunderts betrachtet, kommt also von seiner Erfahrung der Umbrüche der 1960er-Jahre. Für Doctorow stellt die Ära, in der “Ragtime” spielt, die Weichen der späteren US-amerikanischen Geschichte. In den Geschichtsbüchern dieser Zeit gelten die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts weitgehend als progressive Ära in der amerikanischen Politik: Versuche wurden unternommen, die Macht der Konzerne einzudämmen, es fand eine breitere Demokratisierung statt, die Arbeiterklassen, Einwanderer/innen und Afroamerikaner/innen wurden emanzipiert. Dass Doctorow seinen Roman “Ragtime” nennt, deutet aber schon darauf hin, dass er die optimistische Perspektive der Geschichtsschreibung nicht teilt.

Eine Zeit, die aus den Fugen ist

So bezieht sich der Titel nicht nur auf einen Musikstil, sondern auch auf das Milieu, in dem diese Musik entstand – das der Afroamerikaner und Einwanderer. Doctorow verankert so seinen Roman ganz eindeutig in dem Milieu der Armen und Vertriebenen. Wenn man dazu noch “Ragtime” wörtlich versteht – als “zerrissene Zeit” –, passt das zu den Schicksalen der Protagonisten, vor allem des unfreiwilligen Revoluzzers Coalhouse Walker. Die Figur des Coalhouse Walker lehnte Doctorow bewusst an Heinrich von Kleists “Michael Kohlhaas” (1808) an, der um das Recht auf seine unbeschadeten Pferde pocht, wie Walker auf die Reparatur seines Autos – bis zum konsequenten und bitteren Ende.

Sicher ist es auch kein Zeichen von Geschichtsoptimismus, dass Doctorow die Anarchistin Emma Goldmann abschieben und Walker schlussendlich ermorden lässt. Was Doctorow mit “Ragtime” gelang, war nichts weniger als die Neudefinierung einer Ära im Kollektivgedächtnis. Gerade in englischsprachigen Ländern assoziiert Ragtime-Musik automatisch die dazugehörige Zeit. So wie der amerikanische Autor F. Scott Fitzgerald die Zeit nach dem ersten Weltkrieg als “Jazz-Ära” charakterisierte, gab Doctorow seinem Roman über die politischen Umbrüche einer Zeit ebenfalls einen musikalischen Bezug. Vor allem aber gab er denen, die nicht in den Geschichtsbüchern vorkamen, eine Stimme. Pünktlich zum achtzigsten Geburtstag des Autors bringt sein deutscher Verlag Kiepenheuer & Witsch “Ragtime” gerade neu heraus.

Publication fluter.de
Date 11-02-2011
Industry Media
Link E.L. Doctorow: Ragtime