Aus der Internationalen Raumstation ISS schaut Weltraumtouristin Anousheh Ansari runter auf die Erde. Seit ihrer Kindheit träumt sie von diesem Moment. Ergriffen von der Schönheit des Moments sinniert sie über den Blick auf ihren Planeten aus einer Höhe von 450 Kilometer. “Keine Grenzen” sagt sie. “Von hier sieht alles so friedlich aus: Keine Unruhen, kein Krieg.” Was sie aber nicht erwähnt, ist die Klimakatastrophe. Wahrscheinlich, weil man sie auch von dort oben nicht sehen kann. Und, vielleicht, weil sie mit der Erfüllung ihres Traums auch dazu beigetragen hat, die Atmosphäre mit einigen Tonnen CO2 und jeder Menge giftige Chemikalien zu belasten. Ein Problem für die Ökologie vielleicht; aber wie Regisseur Christian Frei in seiner neuesten Doku “Space Tourists” zeigt, nicht immer ein Problem für den Menschen.

Der Traum vom Flug ins All

Anousheh Ansari ist Protagonistin im neuen Film des Schweizer Dokumentarfilmers Christian Frei. In seinen bisherigen Filmen setzte sich Frei immer wieder Extremsituationen aus, z. B. dokumentierte er den Alltag eines Kriegsfotografie mit dem US-amerikanischen Fotojournalisten James Nachtwey oder die Zerstörung der Buddhas von Bamiyan in Afghanistan durch die Taliban. In “Space Tourists” behandelt Frei die Kommerzialisierung des Weltraums als Reiseziel. Ohne selber in die Kapsel zu steigen, zeigt er einfühlsam, wie für Ansari, eine US-Amerikanerin mit iranischen Wurzeln und erste weibliche Weltraumtouristin, sowie für Charles Simonyi, amerikanischer Programmierer ungarischer Abstammung und Hauptentwickler der Microsoft-Produkte Word und Excel, der Traum in Erfüllung geht, ins Weltall zu verreisen. Beide sind Passagiere an Bord der Sojus-Rakete der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos.

Von Star City zum Kosmodrom

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Nach intensivstem Training und straffer Ausbildung im nordöstlich von Moskau gelegenen Sternenstädtchen, Swjosdny Gorodok, werden die Weltraumtouristen zum Kosmodrom des Raumfahrtbahnhof Baikonur in Kasachstan gebracht. Dass aber US-Amerikaner/innen mit russischen Raumbehörden Vorlieb nehmen müssen, hängt vor allem damit zusammen, dass sich die amerikanische Weltraumbehörde NASA gegen die Nutzung der Internationalen Raumstation (ISS) als „Weltraumhotel“ wehrt. So beginnt für die Milliardäre Ansari und Simonyi die Reise ins Weltall im dritten Sitzplatz der engen Sojus-Kapsel, dem laut Legende sogenannten “Joker”-Platz! Nach ihrer Ankunft verbringt Ansari 12 Tage in der Raumstation. In der Zeit umkreist sie fast 190 Mal die Erde – und sieht unzählige Male die Sonne aufgehen. Für sie ist die Reise wenig mehr als eine Schnuppertour im Alltag der Wissenschaftler/innen auf der ISS. Ansari erfreut sich an den Kleinigkeiten des Lebens, die im Weltraum ungemein schwieriger sind als auf der Erde: Haare waschen und auf die Toilette gehen. Besonders tut’s ihr auch der Fensterblick aus ihrer Koje an.

Die Zwischensumme, bitte…

Offizielle Angaben zum Preis dieses Vergnügens sind nicht erhältlich; inoffiziell munkelt man von 20 Millionen US-Dollar für ein Ticket. Da das Geld für die Tramper kein Problem darstellt, richtet Frei einen weiteren Blick auf die ökonomischen und ökologischen Konsequenzen des Weltraumtourismus für die Bevölkerung am Boden. Von dort aus sieht die Ökobilanz beziehungsweise der CO2-Fußabdruck eines Ausflugs im Weltraum nicht besonders gut aus. Die Schätzungen schwanken zwischen den Extremen von acht bis 143 Tonnen CO2-Ausstoß pro Weltraumflug und Passagier. Zwar zählt die russische Sojus-Rakete zu einem der emissionsärmsten Raumverkehrsmittel, doch entsprechen diese Zahlen zwischen zwei und 36 Transatlantikflügen für ein Mal per Anhalter durch die Galaxis. Was dabei noch nicht berechnet wurde, sind die sämtlichen Langstreckenflüge hin und her zwischen den USA und der russischen Föderation und die Auswirkungen der Treibstoffgase in den delikateren Luftschichten unserer Atmosphäre. Weiterhin stellt aber die Sojus mit den Chemikalien, die zum Antrieb noch zusätzlich gebraucht werden, eine weitere beträchtliche Umweltverschmutzung dar. Mit „Space Tourists“ zeigt Frei die Kehrseite des Weltraumgeschäfts auf: die Probleme und Chancen der Entsorgung.

Postkommunistische Lumpensammler

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Frei ist es als erstem Dokumentarfilmer gelungen, die schwierige Arbeit der kasachischen Raketenschrottsammler/innen zu filmen. Diese relativ neue Berufsgruppe bezeichnet diejenigen, die sich aufmachen, die ersten Raketen-Booster der Sojus aufzulesen, sobald sie wieder auf die Erde gefallen sind. Nach einer Minute Flugzeit trennen sich die Booster von der Rakete und stürzen – samt den Resten ihres hochgiftigen chemischen Inhalts – von 80 Kilometer Höhe auf die kasachische Steppe nieder. Die Booster wiegen an die drei Tonnen und sind für die Sammler/innen eine exzellente Geldquelle, da der Großteil des Gehäuses und vom Innenbau aus Aluminium und Titan besteht. Ideal zum Gebrauch als Recycling-Kochtopf. Und ebenso nach der nicht ganz ungefährlichen Zerlegung der Teile mitten in der Steppe optimal zum Weiterverkauf derRohstoffe an die Chinesen geeignet, wo sie beispielsweise zu Verpackungen verarbeitet werden.

Ökologische Bedenken?

Was für die Bewohner/innen in der Nähe von Baikonur ein wortwörtlicher Geldregen bedeutet, ist für die Bewohner/innen der Altai-Region nördlich des Raumbahnhofs weniger segensreich. Prallen die Booster der ersten Stufe mit eher harmloser Wucht in der menschenleere Steppe auf, ist die zweite Stufe eindeutig gefährlicher für Bauern und Bewohner/innen, die im dichter besiedelten Aufprallgebiet der Altai leben. Hinzu kommen die Chemikalien, die die Felder nach dem Aufprall verseuchen. Was Frei in seiner Doku anreißt, ist aber schon lange Thema unter Kritiker/innen der kommerziellen Weltraumtourismusindustrie. Seit der erste Raumtourist 2001 die Erdumlaufbahn verlassen hat, steht der Fantasie scheinbar nichts mehr im Wege. So präsentierte Ende 2009 Richard Branson, Besitzer der Fluggesellschaft Virgin, sein Spaceship Two. Für €140.000 kann man bereits bei der Virgin Galactic Weltraumfluggesellschaft Tickets für einen suborbitalen Weltraumflug in 2012 buchen.

Der CO2-Ausstoß ist laut der Webseite von Virgin Galactic kein Problem. Im Gegenteil: Für Bransons Sprecher Will Whitehorn liegt der CO2-Ausstoß für die Beförderung von sechs Leuten ins All geringer als bei einem einzelnen Sitzplatz in einem Business-Class-Flug von London nach New York. Vergessen wird dabei aber immer wieder die Tatsache, dass die “nur” 360 Kilogramm CO2 pro Passagier dort in der Atmosphäre freigesetzt werden, wo sie am schädlichsten sind. Glaubt man aber der Weltraumtouristin Ansari in Christian Frei’s Doku, dann müssen wir uns aber sowieso nicht länger Sorgen machen. Für sie bedeutet das Weltall schließlich die Zukunft der Menschheit: Der Ort, an den wir ausweichen können, wenn bei uns auf dem Planeten alles schief gelaufen ist!

Publication fluter.de
Date 21-07-2010
Industry Media
Link Dreck im All