Eigentlich müßte dieser Text mit dem Wort „damals“ beginnen. Nur so scheint die Authentizität eines Szene-Überblickes garantiert. Tatsache ist aber, daß aus einer musikalischen Minderheit inzwischen eine (soziale?) Mehrheit geworden ist,

die, wiederum, durch einer Vielzahl musikalischer Minderheiten geprägt wird. Und gerade das ist heute so interessant, weil das niemand hätte ahnen können. The rest is history…

Was nämlich heute fasziniert, ist daß die Ahnen, die Idole, die Vorbilder, die Pioniere des Tanzes, kurz: die Untouchables, dessen Musik noch vor fünf Jahren mit weit aufgerissenen Augen und wahrgenommen wurde, von ihren unsichtbaren Thronen heruntergebeten wurden, um im kollegialen Kreis aufgenommen zu werden.

Daß dieser Prozeß der Provinz nicht vorenthalten blieb, hat man den vielen Veranstaltern und Aktivisten der täglich größer werdenden Techno-House-Szene zu verdanken. Denn gerade im Rhein-Neckar-Raum greift der Vorwurf der musikalischen Idiotie nicht mehr.

Sei es in den Bereichen Jungle, House (egal, ob aus England, Detroit oder Chicago), neuerdings Ambient, Techno oder Acid, die neusten Entwicklungen werden mit scharfen Augen verfolgt und präsentiert oder, so fern das nötige Talent nicht regional vorhanden ist, importiert. Eines der besten Beweise für den innovativen Charakter der Provinz ist, daß zu den ersten Eindrücken Deutschlands vieler ausländischer Djs und Produzenten gerade NICHT der Dom, die Reeperbahn, der Römer oder der Brandenburger Tor zählten, sondern die Autobahnstrecken der A5 und A6 in Richtung Mannheim/Heidelberg. In fünf Jahren, vielleicht, wird man mit dem selben Elan, wie milk!-Legenden weiterreicht, erzählt, wie der Rhein-Neckar-Raum, und seine bislang als „Dorfdisko“ verpöhnten Clubs, die interkontinentalen Superstars beherbergt haben und, wie aus dem Verdruß dieser Entwicklung sich eine selbstbewußte, regional-orientierte, gar autonome Szene aufgebaut hat. Denn, ohne Ausnahme, wirkten alle Clubs mit, ihren Gästen den Kontakt zu den verschiedensten Künstlern zu gewährleisten.

Das Crime und seine Meditation Veranstaltungscrew sorgte dafür, daß der Rest von Deutschlands Jungle-Gemeinde neidisch den Rhein-Main-Dreieck bespitzelte, das Normal importierte DJ-Kraftpakete der diversen Stilrichtungen – ob Pionier-Garde aus Detroit, „old school“ House-Architekten aus Chicago, alte Trance-Hasen oder die Beatniks der Neuen Schule, war kein Name zu groß… Das Vibration und das Loft brachten den Deutschen den Happy-House-Groove à la Manchester bei, das Little Heaven gab dem Stichpunkt „Musikseminar“ neue Impulse und das Contra’N (samt Pro-Test Ableger) lancierte sonntags abends sämtliche neue Djs in die Welt des Jetsets. Währenddessen kommen auch neue Spieler ins Feld, z.B. das M&S Connexion, das sich jetzt, nach ersten Flirtversuchen, freitags abends als Doppelpack Techno-Club outet (HD-800 und, ab Juni, Club Sol), das mit den besten konkurrieren kann, sogar mit Schüler & Presinger, die als Standpunkt ihres neusten Tanzpalastes, das Broadway, Mannheim auserwählt haben. Selbst the deepest Provinz will keine weitere Zeit in der Reserve verlieren: das Lemon, das ernsthafte Absichten pflegt, in die erste Liga einzutreten, das legendäre Koko und das Xit sind inzwischen im Umland renommiert wegen ihren Konzepten, die auf 100% Unterhaltung abzielen.

Auch wenn der Erfolg vieler der oben aufgezählten Lokalitäten auf den Erfolg der Gast-DJs beruht, ist es dennoch erstaunlich, wer alles schon da war. Eine Liste der Namen ist hier unangebracht, alleine schon wegen der Länge; man kann aber ganz gewiß behaupten, und das kann jeder Namensfetischist bestätigen, daß kaum ein Mitglied der weltweiten DJ-Jetset nicht den einstein-Einzugsgebiet bespielt, und manchmal bewundert hat.

Viel bedeutender wäre eine Aufzählung der regionalen Künstler, dessen eigenen Interpretationen des musikalischen Kulturgutes durchaus hier, und z.T. überregional, sowie im Ausland, zu überzeugen vermag. Man denke nur an Source Records, dessen Erfolg im Ausland peinlicherweise Deutschland in den Schatten stellt, oder an die Nußlocher Jungle-Fraktion, die sich in London per „du“ verständigen, oder an die Universe Fancy Dancers, jene Bastion der Animations-Technik, die eine Party-Rarität im Rhein-Neckar-Raum geworden sind. Zum Glück bescheren uns noch die Soundballs, die Tobis und Jonathans, die Groover Kleins und See-Bases, die Tobi Ks und Aka Js, die Dämonen, die Bassfaces, die Torches, die Otakus und die 568 weiteren Nachbarssohn-DJs mit ihrem aufgeklärtem, globalem Sound.

Es läßt sich also nur noch die Frage stellen, ob und wozu man noch Frankfurt, Berlin, Köln, Hamburg oder München braucht. Laßt uns doch einfach die Love Parade hier in den Süden verlegen, wo der Bär richtig tobt!

einstein, Das Stadtmagazin – 02/1996