Dass die Holländer in Sachen Grafikdesign führend sind, wurde Ende September bewiesen. Beim Heidelberger Posterwettbewerb “Mut zur Wut” wurde das Gorilla Kollektiv aus Amsterdam mit dem Publikumspreis für ihr Motiv “East meets West” ausgezeichnet. Das Design brachte das Thema “Multikulti” humorvoll überspitzt und in klarer Schwarz-Weiß-Optik auf den Punkt, indem es die Fremdbilder von Frauen im Orient und Okzident gegenüberstellte: Burka versus Bikini. Wie Alex Clay, Sprecher desGorilla Kollektivs, erklärt, lag “der visuelle Witz in der extremen Stereotypisierung der Wahrnehmung beider Seiten – die der Populisten in Holland wie auch der Radikalen im Islam”.

Publication fluter.de
Date 17-10-2011
Industry Media
PDF Burka versus Bikini

Extravagant, reduziert, humorvoll

Dem Macher des Wettbewerbs kommt der erste Preis für ein holländisches Design keineswegs überraschend. Für Götz Gramlich, weltweit ausgestellter Poster Designer, Dozent und Vorstandsmitglied der 100 Besten Plakate in Deutschland, Österreich und der Schweiz e.V., ist die Sache ganz klar: “Im Vergleich zu deutschem Grafikdesign ist das holländische schlicht und ergreifend besser. Die Holländer beherrschen ihr Handwerk sauber. Ideen sind intelligent zu Ende gedacht.” Dutch Design kombiniert gestalterischen Mut mit einer kleinen Prise Extravaganz. Europaweit zählt Gramlich neben dem Schweizer das Dutch Design zu den besten. Die Holländer mögen sich selber nicht so direkt in Konkurrenz zu anderen Ländern sehen, gestehen sich aber weltweit einen gänzlich eigenen Ansatz ein.

Wie Walter Amerika, Guru des Dutch Design, und Hans Wolbers, Kreativdirektor der Firma Lava Design, beide fast mit gleichen Worten formulieren, lässt sich Dutch Design mit den Attributen minimalistisch, humorvoll, direkt, spielerisch und, vor allem, wenig dogmatisch beschreiben. Und direkt muss es sein. Für Els van der Plas, Leiterin des Niederländischen Instituts für Mode und Design, premsela, hängt der Begriff sowohl mit der Form als auch mit der Einstellung zusammen: “Das Holländische an Dutch Design ist, wie Designer denken, welche Prozesse da einhergehen. Da wir in Holland auch eine lange, gute Formtradition haben, fällt es uns auch einfach, Grafik, Produkten und Architektur eine Form zu geben. Aber für mich ist eher die Tatsache maßgebend, dass mehr um die Ecke gedacht wird.” Das komme vor allem daher, wie Holland seine Design-Studenten ausbildet. Seit den Zeiten des Bauhaus’ wird im Sinne von konkreten Fragestellungen gedacht. Dabei hilft es auch, dass die Holländer dem Klischee eines besonders kritischen Blicks gerecht werden – vor allem wenn es um Designlösungen geht.

Tradition der Offenheit

Die Ursprünge dieser Qualitäten des Dutch Design lassen sich in den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Gegebenheiten des kleinen bevölkerungsreichen Landes finden. Heutzutage verbinden viele den Begriff vor allem mit Architekten, Produkt- und Modedesignern wie Rem Koolhaas, Viktor & Rolf als auch der Elektronikfirma Philips. Kulturell gesehen, prägten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Namen wie Gerrit Rietveld und Piet Mondrian das Bild des Dutch Design. Im Bereich Grafikdesign wurde der Begriff erstmals in den 1980ern geprägt, als sich Designer wie Irma Boom, Peter Bilak und Gert Dumbar verdient machten.

Für viele Experten ist die gesellschaftliche und politische Einstellung der Niederlande einer der wichtigsten Impulse für die Entwicklung des holländischen Designs. Wie Hans Wolbers erklärt, schufen “Offenheit und Liberalismus bereits im 17. Jahrhundert die richtige Atmosphäre, um neue Möglichkeiten wahrzunehmen.” Das Land ist ein Schmelztiegel, in dem sich Künstler und Designer aus Europa und dem Rest der Welt treffen und neue Ideen und Impulse mitbringen. Els van der Plas dazu: “Wir haben früh gelernt, dass Weltoffenheit für die eigene kulturelle Entwicklung äußerst wichtig ist. Schon lange wird Dutch Design nicht mehr nur von Holländern gemacht.” Hinter der Idee oder der Marke Dutch Design steckt vielmehr eine Einstellung – ein Ansatz, der sowohl von holländischen Designern als auch Zuwanderern angespornt wurde. Alex Clay, selber zugezogener Norweger, ergänzt: “Holland ist ein inspirierendes Land, um als Grafikdesigner zu arbeiten. Holland muss gar nicht viel tun, um diesen internationalen Zustrom zu fördern.” Aber gerade diese Art von Offenheit leidet momentan unter den jüngsten politischen Entwicklungen in Holland, die wiederum auch Dutch Design vor ein größeres Daseinsproblem stellen wird in den nächsten Jahren.

Wie Walter Amerika erklärt, habe Dutch Design gerade im Bereich Grafikdesign stark umdenken müssen. Es fing bereits beim Geld an: “Mit dem Internet und globalisierten Kampagnen und Designs wird es für Grafikdesign immer schwieriger, sich herauszustellen. Das betrifft nicht nur Holland, sondern alle Länder. Wir leben im Zeitalter der Demokratisierung des Designs; und so sehr ich auch für den Euro bin, ist unser Geld eines der besten Beispiele für den Wandel, den Dutch Design durchmacht. Es ist auch wirklich schade, dass wir unser hübsches, modernes Geld aufgeben mussten.”

Tauziehen zwischen Globalisierung, Populismus und Liberalismus

Damit beschwört aber Walter Amerika keineswegs den Blick einwärts. Seitdem rechtsgerichtete Populisten wie Pim Fortuyn und Geert Wilders die Medienaufmerksamkeit auf sich und ihre islamophoben Thesen gelenkt und Migranten zu Sündenböcken für viele der Probleme des Landes erklärt haben, mussten die Niederlande ihr Image als tolerantes, weltoffenes Land einbüßen. “Das müssen wir ändern”, führt Amerika fort. “Toleranz ist nicht nur eine Voraussetzung für eine funktionierende kreative Kultur, sondern galt auch lange als besonderes Merkmal der Niederlande.” Dem Ruf in die Niederlande folgten bislang vor allem Menschen aus dem asiatischen Raum und aus Lateinamerika. Was die heimische Bevölkerung mit Migrationshintergrund betrifft, sieht die Sache anders aus.

Wie sowohl Alex Clay, Hans Wolbers als auch Walter Amerika eingestehen, ist der Anteil an Beschäftigten in der Designindustrie aus den bevölkerungsstärksten türkischen und marokkanischen Minderheiten immer noch viel zu gering. Dabei zitieren sie kulturelle Hürden, in das Berufswesen einzusteigen, wie aber auch den Grund, dass Subventionen für Jungdesigner in den letzten Jahren stark gekürzt wurden. Nicht zuletzt bereite die neue Gesetzeslage Einwanderern größere Schwierigkeiten. Wie Els van der Plas berichtet, lauern weitaus größere Gefahren für Dutch Design: “Das Problem ist, dass sich die Populisten Dutch Design teilweise zu eigen machen. Sie umarmen sozusagen die Kreativindustrie, weil es für sie eine holländische Exportmarke darstellt. Dabei müssen wir uns aber fragen, was passieren wird, wenn Holland sich immer mehr in Richtung einer Gesellschaft entwickelt, die Angst vor der Fremde hat. Schließlich basiert so viel an Dutch Design gerade auf dem internationalen Austausch.”

Neue Impulse setzen

In diesem Zusammenhang kommen natürlich Designs wie das von Alex Clays Gorilla Kollektiv gerade richtig. Aber auch auf infrastruktureller Ebene mögen Beobachter von positiven Entwicklungen in Sachen multikultureller Zusammenarbeit berichten. So verbünden sich holländische und iranische Designer, um eine Schmiede wie Orientationlabs zu gründen – eine Designagentur, die sich spezifisch zum Ziel gestellt hat, Orient und Okzident näher zu bringen. Auch im Bereich Mode, berichtet Els van der Plas, tun sich marokkanische Frauen mit niederländischen Designern zusammen, um gemeinsam neue Wege in Sachen Design und Herstellung zu gehen. An der Designakademie in Eindhoven hat dieses Jahr ein afghanischer Student einen Entwurf für ein Minenfeldräumgerät gebaut. “Das sieht nicht nur wunderschön aus, sondern wird gerade von dem Verteidigungsministerium auf seine Einsatztauglichkeit untersucht”, erklärt Walter Amerika. Und zu der Dutch Design Week, die Ende Oktober in Eindhoven stattfindet, kündigt Leiter Hans Robertus einiges an Entwicklungen im Bereich sozialen Designs an, unter anderem “ein Projekt für soziale Interaktionsprogramme in Problembezirken. Bei der Dutch Design Week wird gezeigt, wie Design zu einer nachhaltigeren, besseren, behutsameren Gesellschaft beitragen kann.” Und letzten Endes darf nicht vergessen werden, welche Arbeit einzelne Designer, beispielsweise aus dem Gorilla Kollektiv, für Integration leisten, wenn sie auf Missstände zeigen. Wie Alex Clay zu berichten weiß, “auch wenn den Populisten zurzeit etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, der größere Teil der Bevölkerung will nach wie vor andere Kulturen sehen und erleben im Alltag.”

Links

Gorilla Kollektiv c/o Lesley Moore Designagentur

Dutch Design Week

Lava Design

OrientationLab

Premsela, Niederländisches Institut für Design und Mode

Walter Amerikas Blog

Mut zur Wut Posterwettbewerb

Designakademie Eindhoven

Bundeszentrale für politische Bildung: Iraner in Deutschland: Eine Design-Reise und: Die vermarktete Rebellion – Sein und Design