Wenn sich heute, 90 Jahre nach der Eröffnung der ersten staatlichen Schule des Bauhauses in Weimar, Designer/innen auf ihre Wurzeln in dieser Bewegung besinnen, dann kommt das nicht von ungefähr. Was der deutsche Architekt und Gründer der Schule, Walter Gropius, 1919 ins Leben rief, stellte eine komplette Neuorientierung künstlerischen Schaffens dar, deren Innovationen auch heute noch up to date wirken. 

In einer filmischen Retrospektive zur Bauhausperiode in ihrer Hochblüte von 1919 bis 1933 gibt die “bauhaus & film”-Reihe über einen Zeitraum von sechs Monaten neue Einblicke in die Geschichte des Bauhauses. In ihrer Gesamtheit zeigen die durchaus raren Filme ein Porträt dieser Kunstrichtung, das zu einer gänzlichen Neubewertung des Vermächtnisses der Bauhausphilosophie einlädt: Weg von dem Mythos und den Ursprung der Moderne ins Hier und Jetzt gerückt, so könnte die Parole lauten.

Am Anfang stand die Revolution

Der Begriff Bauhaus steht heute vielerorts für eine Stilrichtung, prägend für Architektur und Interiordesign der 1930er-Jahre: viel Glas, viel Stahl, klare Strukturen, schuhkartonähnliche Bauten im Einheitsprinzip. Ordnung und Vernunft werden ausgestrahlt. Dabei verliefen die Anfänge des Bauhauses alles andere als geordnet.

Wie der Einstiegsfilm zur Reihe, der 1998 produzierte “Bauhaus: Mythos der Moderne” von Kerstin Stutterheim und Niels Bolbrinker anhand von teils recht undifferenzierten Interviews mit damaligen Schülern/innen und Lehrern/innen dokumentiert, entstand der Grundgedanke des Bauhauses aus dem wirtschaftlichen und emotionalen Chaos, das der Millionen Tote fordende Erste Weltkrieg hinterließ. Mit dem Ende des deutschen Imperialismus war es die Suche nach einer neuen Gesellschaftsutopie, die die späteren “Meister” und “Gesellen” des Bauhauses zusammenbrachte. “Ich machte einen sehr interessanten Moment durch nach dem Krieg”, erklärt Walter Gropius in einem Interview aus den 1960ern. “Der Ansatz zu etwas Neuem war da.” Kunst und Architektur sollten nach Ende des Ersten Weltkriegs revolutioniert werden, die Menschheit zum Umdenken gebracht werden.

Ein neues Kunstvokabular 

Während sich in Berlin Gruppierungen zusammenfanden, um an radikal neuen Kunstkonzepten zu arbeiten, gründete Gropius 1919 das “Staatliche Bauhaus in Weimar” und lud die Heroen der modernen Malerei aus der Schweiz, Frankreich, Russland und den USA nach Weimar ein, um zu lernen und zu lehren. Wie diese Kunstkonzepte aussehen konnten, lässt sich unter anderem an den Formexperimenten mit bewegten Bildern nachvollziehen, die auch einen beachtlichen Anteil an Filmen in der Reihe ausmachen. So beschäftigten sich Kurzfilme wie “Rhythmus 21” und “Rhythmus 23” von 1921 und 1923 des Architekten Hans Richter und “La marche des Machines” von 1928, bei dem der avantgardistische Eugène Deslaw Regie führte, vorwiegend mit abstrakten Ideen: Flächen, Bilder von Maschinen und Animationen geometrischer Formen interagieren, bis sich eine ganz eigene Ästhetik entwickelt; kaleidoskopartige, optische Illusionen. Damals wirkten solche Veränderungen der Perspektive eher chaotisch und anarchistisch. Und doch einer Ordnung zugehörend. Wie Wassily Kandinsky in “Bauhaus: Mythos der Moderne” zitiert wird, sei der Gedanke damals, “aus Chaos Kosmos zu erkennen. Auch in uns selbst [und daher …] Wenn ich lehre, lerne ich auch.” Um Neues zu schaffen, musste auch neu gelehrt werden.

Erst die Pflicht

Bereits in dem in Berlin ansässigen und teilweise von späteren Gründern des Bauhauses geleiteten “Arbeitsrat für Kunst” wurde 1919 der Versuch gestartet, die künstlerische Entwicklung talentierter junger Menschen mit Hilfe einer neuen Pädagogik zu fördern. So wurden die sich oftmals bohemienartig gebärdenden Schülerinnen und Schüler des Bauhauses mit dem neuen Weimarer Lehrplan konfrontiert: Schließlich ging es darum, soziale Verantwortung zu übernehmen für eine neue Ästhetik, die architektonisch, künstlerisch und auch im Endstadium des Produktes allen Menschen aller Klassen zugute kommen und eine Einheit darstellen sollte. 1923 rief Gropius die neue Einheit zwischen Kunst und Technik aus, die gleichzeitig ästhetische Überlagerungen aller Kunst- und Ausdrucksformen anstrebte. Alles – Buchsatz, Ballett, Malerei, Weberei, Porzellanherstellung, Architektur und Design – sollte diesem vereinheitlichten Prinzip folgen, welches sich aber nicht als dogmatisierend und einschränkend verstanden sieht, sondern als bereichernd, da Sparten-übergreifend gedacht wurde.

Getreu der Maxime, dass der oder die Schülerin die Maschine nicht verstehen kann, bevor nicht der Umgang mit der Handwerkszange erlernt wurde, markiert die handwerkliche Lehre einen wichtigen Eckstein innerhalb der Ausbildung am Bauhaus. Während die Schüler/innen als Lehrlinge und Gesellen bezeichnet wurden, wurden die Lehrer – unter ihnen Paul Klee, Josef Albers, Oskar Schlemmer und Ludwig Mies van der Rohe – Meister genannt. Auch der Tanz und das körperliche Bewusstsein spielten eine große Rolle im Lehrplan, um die Kreativität zu entfalten. Manches Mal trafen sich die Klassen auch nackt in der Natur, um die Gemeinschaft zu fördern.

Für das immer noch den Verlusten des Ersten Weltkriegs nachtrauernde, reaktionäre Deutschland waren die Ansprüche der Bauhäusler Ausdruck einer modernen Dekadenz, das Bauhaus geriet in die Kritik als einer “kulturbolschewistischen Kulturstätte sowjetischen Formats”. Nachdem die Reichswehr die Schule nach revolutionären Schriften durchsuchte, zog das Bauhaus um nach Dessau.

Aus Kunst wird Massenprodukt

Wie und ob sich die Einheit zwischen Kunst und Technik verwirklichen lässt, zeigt die Filmreihe mit allerlei Kurzfilmen aus den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren. Mit dem Umzug nach Dessau 1925 – unterstützt von der Stadt Dessau – entwickelte sich das Bauhaus nach der großen Experimentierphase in Weimar zu einer auch von den Abnehmern aus der öffentlichen und privaten Wirtschaft ernst genommenen Kunstschule. Inmitten des Zentrums der Industrialisierung Deutschlands sollte das Bauhaus an den Innovationen teilhaben mit seinem Vorhaben, Kunst und Architektur so zu gestalten, dass es einerseits dem industriellen Fertigungsprozess gerecht wird und andererseits Innovationen verwirklichen konnte. Zudem war mit der Ernennung des ungarischen Malers, Designers, Fotografen und Konstruktivisten László Moholy-Nagy ein technikbegeisterter Leiter in den Bauhaus-Zirkel eingezogen.

Wie die Filme in dem Programmpunkt der “bauhaus & film”-Reihe zum Thema Bauen und Urbanistik klar belegen, verfolgten die Ideen der Bauhausarchitektur die Verbesserung der Lebenslage aller Bürger/innen. Anstelle der Mietskasernen, die mit ihren dunklen Hinterhöfen und maximaler Ausschöpfung des Platzes für Krankheit, Arbeitslosigkeit, “Klatsch, Zank und Hader” verantwortlich zeichneten, so die Theorie des neunteiligen Films von Ernst Jahn “Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?” (1926-1928), sollen rhythmisch gegliederte Häuserreihen, Grünflächen und Licht für alle zu einer Verbesserung der allgemeinen Lebenslage führen. Dass diese Bauart durchaus finanzierbar sei und nicht nur einer elitären Minderheit zugute kommen würde, zeigt wiederum Paul Wolff. Wolffs Exposé des Hausbaus verdeutlicht, wie aus einem Großbausatzkasten bewohnerfreundliche Häuserreihen entstehen. Zusätzlich zum Frankfurter Standort bekommen die Zuschauer/innen auch Mustersiedlungen in Berlin-Dahlem und Dessau zu sehen sowie ausführliche Besichtigungen der Meisterhäuser der Schule in Dessau. Auch im Innendesign – wie in Gropius’ eigenem Haus in Dessau – trägt die Einheit von Kunst und Architektur sichtlich zu einer besseren neuen Welt bei. Aber keine, mit der sich der aufkommende Geschmack am Nationalsozialismus identifizieren konnte.

Im Visier der Nazis: ins Exil gezwungen

Die Ideen des Bauhauses plädierten für die Rettung des Menschen vor der Verkümmerung in Mietsilos – den Nationalsozialisten allerdings war diese idealistische Haltung eindeutig ein Dorn im Auge. Zu internationalistisch, zu links, als baubolschewistisch wurde die Kunst- und Architekturrichtung des Bauhauses von nationalsozialistischen Kritikern bezeichnet. Und damit setzten die Repressalien ein, die zur Schließung des Bauhauses in Dessau führten. Obwohl sowohl Walter Gropius und Mies van der Rohe – Direktor der umformierten Bauhaus Akademie in Dessau von 1930 bis 1933 – Pläne entworfen haben für nationalsozialistische Konstruktionen, konnte die Schule dem politischen Druck nicht standhalten und musste 1932 nach Berlin ziehen.

1933 musste das Bauhaus schließen. Das berühmte Bauhaus-Gebäude in Dessau-Rosslau, das in seiner Stahl- und Glaspracht als Aushängeschild für die Richtung gilt, wurde während eines Luftangriffs zerstört und erst zwischen 1996 und 2006 wieder nach den ursprünglichen Plänen restauriert.

Was aus den Lehrern/innen und Schülern/innen und ihrem Erbe wurde, das lässt sich heute überall auf der Welt sichten. In den Jahrzehnten nach der Schließung in Deutschland wurden die Ideen des Bauhauses – vor allem in der Architektur – weiter entwickelt und angewendet. Auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus sind ehemalige Bauhäusler/innen in die USA, Südafrika und nach Israel ausgewandert. Dort konnten sie Siedlungen entwerfen und bauen, wie es nur in Deutschland ansatzweise der Fall war. So ist beispielsweise in Tel Aviv ein ganzer Stadtteil, White City, nach dem Bauhaus-Schema entstanden. Sehr zur Zufriedenheit der Einwohner/innen, die von einer wahren wohngemeinschaftlichen Kultur sprechen in “Bauhaus: Mythos der Moderne”. Auch gehen heutzutage Wolkenkratzer in New York und Chicago aufs Konto der Bauhäusler/innen – nur nicht mehr ganz nach dem basisdemokratischem Prinzip.

Heutzutage werden die Bauhäuser als Luxusvillen gehandelt, obwohl doch die Entwürfe Wohnräume für alle wollten. Und der Stil der Moderne, der durch Bauhaus geprägt wurde, zeichnet in der Architektur gewissermaßen eine neue Prunkvorstellung. Wenn also etwas von dem Ideal übrig geblieben ist, dann in einer sehr breiten Interpretation: Möbelstücke von IKEA, zum Beispiel. Aber, wie ein heutiger Student des Bauhaus in der Filmreihe zitiert wird, spiele die Schule von heute eine große Rolle darin, eine neue Auffassung von Design und Kunst zu formulieren, die sich von der industriellen Eintönigkeit distanziert. Die Utopie, die vor 90 Jahren zur Entstehung der Schule beigetragen hat, ist also weit weg von ihrer Erfüllung und doch – angesichts von internationalen Wirtschaftskrisen und vielerorts menschenunwürdiger Behausung – eine aktuellere denn je.

Publication fluter.de
Date 09-04-2009
Industry Media
Link Bauhaus und Film