Kunstkritiker hetzen von einer Vernissage zur nächsten, sie lassen sich zu Drinks, feinen Essen und auf Reisen einladen – und am Ende schreiben sie Texte, die kaum jemand versteht. So sieht das Klischee aus. Was aber macht wirklich die Arbeit eines Kunstkritikers aus?

Der 29jährige Kolja Reichert gewann im April 2012 den diesjährigen “Preis für Kunstkritik”, den die ADK gemeinsam mit der ART Cologne verleiht. Die Jury fand, dass Reichert, der in Tagesspiegel, taz, Süddeutsche Zeitung, Monopol oder Die Weltveröffentlicht, besonders verständlich und kompetent schreiben kann. Ein guter Anlass, um sich mit dem freiberuflichen Kritiker zu treffen und über seine Arbeit zu reden, fanden wir.

Publication fluter.de
Date 23-05-2012
Industry Media
PDF “Aus der Kunst lernen”

Oliver Koehler: Lieber Kolja Reichert, wie kamst du denn zu deinem Job als Kunstkritiker?

Kolja Reichert: Ich habe meine ersten Kritiken 2006 geschrieben, als ich beim Feuilleton vom Tagesspiegel ein Praktikum machte. Die WM war gerade zugange, und ich wurde zu einer Ausstellung über “Kunst und Fußball” geschickt. Das war in gewisser Hinsicht ein Testlauf. Als sie mit meiner Arbeit zufrieden waren, wurde ich dann auf immer mehr Ausstellungen geschickt. Eigentlich bin ich kein Kunsthistoriker, sondern studiere Philosophie und Literatur. Von Besprechung zu Besprechung habe ich mir dann mein Kunstwissen angeeignet.

Hat dich Kunstkritik schon immer interessiert?

Im weitesten Sinne wollte ich Kulturkritiker werden. Aber auf Kunstkritik im engeren Sinne war ich nicht gekommen. Ich habe lange parallel Kunst- und Musikkritik gemacht; mir war aber immer klar, dass meine Kulturkritik an gesellschaftliche Fragen geknüpft sein sollte. Irgendwann fand ich Musikkritiken langweilig, weil sich die Erzählungen in der Popmusik wiederholten. Bei der Kunstkritik hingegen hat man als Kritiker viel mehr Freiheit. Man bekommt die Möglichkeit, aus der Kunst zu lernen und umgekehrt. Für mich findet da eine gegenseitige Auseinandersetzung mit der Materie statt.

“Auf Augenhöhe mit Lesern und Publikum”

Bei vielen journalistischen Texten über Kunst hat man das Gefühl, es wird an der Leserschaft oder am Publikum vorbeigeschrieben. Was macht für dich eine gute Kunstkritik aus?

Ich stelle mir eine Kritik immer als Teil eines Gesprächs mit dem Leser vor. Sie soll lebendig sein. Mir ist die Augenhöhe mit Leser und Künstler wichtig, ebenso wie die Transparenz. Man soll zeigen, wie man zu der Erfahrung kommt, die man gemacht hat, und wie man zu seinem Urteil kommt. Es geht auch immer noch darum, einen guten Text zu schreiben. Wir schreiben keine Kunst; wir schreiben Texte. Ich finde auch nicht, dass man der Kunst “hinterher schreiben” darf; ich finde, dass wir immer einen unabhängigen Standpunkt bewahren müssen. Bei mir kommt noch hinzu, dass ich Künstler/innen gerne für einen bestimmten Zweck im Text benutze. Mit meiner Besprechung von “The Jewish Renaissance Movement in Poland” von Yael Bartana zum Beispiel war es mir wichtig, postnationalistische Themen in einem eher konservativen Blatt wie Die Welt unterzubringen.

Mehr Kritik ist erwünscht

Wie gehst du an deine Texte heran?

Am Anfang steht natürlich eine Faszination für die Arbeit. Das Kernstück der Kunstkritik ist aber die Interpretation. Generell setze ich mich lieber mit einer Arbeit als mit dem Künstler auseinander. Ich mag keine Fixierung auf die Person hinter einem Werk. Weil damit zu sehr, meiner Meinung nach, ein Markt bedient wird, der extrem normalisiert ist. Wenn man sich zu sehr an der Künstlerfigur aufhängt, dann geht man weniger auf die interessanten Fragen ein, die die Arbeit aufwirft. Prinzipiell stelle ich immer wieder fest – wegen meines Hintergrunds als Philosophiestudent –, dass ich andere Fragen an die Kunst stelle als Kunsthistoriker. Für mich sind rein deskriptive Texte problematisch; das sehen auch Galeristen so, die sich oft mehr Kritik wünschen.

Gibt es bestimmte Themen in der Kunst, die dich besonders interessieren?

Ja: Konzeptkunst oder Installationen sind mir wichtiger als Malerei. Allgemein stelle ich mir immer die Frage, wie sehr die Kunst die Umstände reflektiert, in der sie stattfindet. Für mich sind kleine Eingriffe in den Kunstraum, die Prozesse sichtbar machen, meist interessanter als die üppigsten Gemälde. Ein Künstler, der mir als gutes Beispiel einfällt, ist der Slowake Roman Ondák. Für sein Stück “Loop”, das er bei der Biennale in Venedig 2009 zeigte, hat er die Bepflanzung, die außerhalb der Länderpavillons wuchs, einfach in den slowakischen Länderpavillon eingepflanzt. So hat er das Gebäude aufgelöst und auch die nationalistische Ordnung des Länderpavillons.

Das Kunstwerk soll für sich stehen

Wendet man sich als Journalist dann auch an die Künstler, um mehr über die Arbeiten herauszufinden?

Ich habe natürlich Künstler als Freunde, mit denen ich mich über die Arbeiten anderer unterhalte. Künstler haben oft ein größeres Wissen und mehr Überblick, weil sie sich Vollzeit mit Kunst beschäftigen. Die kennen die Tricks. Meine Texte sind auf jeden Fall differenzierter geworden, seit ich mich mehr mit Künstlern unterhalte. Anfangs war ich der “Kritiker im Karton”, der sein Urteil bildet und einen Text schreibt, der sinnvoll klingt. Manchmal ist es aber hilfreich, wenn man die Künstler nicht trifft oder spricht. Das Kunstwerk soll ja auch für sich stehen.

Findest du, dass man als Kritiker eine kritische Distanz zum Kunstmarkt braucht?

Die Frage hat sich 2010 für mich gestellt, als mich die Berlin Biennale einlud, Künstlertexte für den Katalog zu schreiben. Sie suchten jemanden, der nicht so sehr im Kunstdiskurs steckt, der mit transparenter Sprache Sachverhalte erklären kann. Für mich war das ein wichtiger Blick auf die Produktionsseite. Das war eine Seite, die ich vorher nicht kannte. Zum Beispiel habe ich mitgekriegt, wie sehr es Künstler/innen nerven kann, wenn sie immer wieder auf dieselben biografischen Details oder auf dieselben Arbeiten festgelegt werden. Mir wurde von der Biennale-Leitung auch geraten, für die Textrecherchen die Künstler in ihren Ateliers zu besuchen. Aber ich glaube, es bringt beiden Seiten mehr, wenn man sich nicht der Gefahr aussetzt, parteiisch zu werden.

Verschiedene Meinungen sind gut

Kunstblogs und Online-Magazine boomen. Ist das eine Gefahr für deine Arbeit?

Gerade in Berlin herrscht ein Überangebot an Leuten, die sich auskennen und Ahnung von Kunst haben. Es ist auch wichtig, dass die verschiedenen Meinungen in ein Reibungsverhältnis kommen. Das Schöne an den Blogs ist auch, dass die Urteile recht zwanglos rausgehauen werden. Eigentlich sind Online-Magazine oft ängstlicher oder beflissener in ihren Urteilen als das etablierte Feuilleton – weil sie was featuren wollen. Eben das finde ich problematisch, weil das nur dem Kapitalgeber der Kunstproduktion was bringt.

Ist an den Stereotypen des Bohemien-Kunstjournalisten was dran: ständig bei Vernissagen, kostenlose Getränke, Gratisessen mit Galeristen?

Na klar! Als Bohemien-Lebensstil habe ich das zwar nie betrachtet, aber realistisch ist es so. Es ist halt wenig Geld unterwegs; gleichzeitig ist es natürlich wichtig, dass man sich auf Vernissagen trifft und unterhält und trinkt und danach Essen geht. Da ist natürlich die Käuflichkeit ein wichtiges Thema. Man ist schließlich Gast – aber ich finde, es wäre eine Beleidigung, wenn die Leute, die mich einladen, darauf eine positive Berichterstattung von mir erwarten würden. Meiner Ansicht nach laden sie mich ein, weil sie Journalismus, nicht PR wollen. Für mich ist es dann ein Ausdruck der Wertschätzung der Veranstalter, wenn ich mein ganzes kritisches Geschütz im Anschlag habe.