In diesem Buch, dem ersten Roman der Hamburger Journalistin Anne Hansen, geht es um die Suche nach Liebe. Und zwar auf ähnlich naive Weise, wie schon der Titel suggeriert. Hannah Jensen, Mauerblümchen und Journalistin, zieht nach Hamburg. Sie ist eine von den Strapazen der Moderne durcheinander gebrachte junge Frau, die auf eine große Medienkarriere hofft und auf entsprechend großartige Liebschaften, die sie in die Medienstratosphäre katapultieren sollen. Das Wichtigste für Fräulein Jensen: Sie will auf der richtigen Seite der Gala-Reportage sitzen. Sie will als Objekt der Begierde gesehen werden.

Kaum in der Hansestadt angekommen, sieht sich das Mauerblümchen allerdings mit einem tiefen Konflikt zwischen Realität und Traumvorstellung konfrontiert. Die große Liebe mit dem Traumprinzen bleibt aus. Drei Beziehungsversuche scheitern – mit ganz verschiedenen Boyfriend-Archetypen. Fräulein Jensen erkennt, dass sie sich damit abfinden muss, dass der von ihr gesuchte Liebhaber oder Lebenspartner weder Hollywood-Darsteller noch Gipfelstürmer noch hoch angesehener Philosoph sein wird. In ihrer Verzweiflung entscheidet sie, in ein anderes Extrem zu flüchten, um ihren Traummann doch noch zu finden.

Zehn letzte Chancen

Sei es der alternde Kahlköpfige in der U-Bahn, der dieselbe Handschrift hat wie sie, oder der Taxifahrer mit dem charmanten Lächeln: In allen Lebenssituationen leidet sie unter der Krankheit verzweifelter Singles, verbissen nach dem einen passenden Partner Ausschau zu halten. Egal, wie obskur das dem rational denkenden Außenstehenden vorkommen mag.

Nachdem sie ihrer besten Freundin Pia von einem Verzweiflungsakt der Liebesfindung zu viel erzählt, bekommt Fräulein Jensen von dieser ein Ultimatum gestellt. Zehn Dates mit zehn von ihr selbst ausgewählten Traummännern lang hat sie die Zeit und die Möglichkeit zu beweisen, dass es IHN doch gibt: den Mr. Right für die Medienprinzessin Jensen. Leider sind es die erstbesten Promis und Semi-Promis, die ihr einfallen.

Hannah Jensen tarnt die Dates als Interviews – schließlich ist sie Journalistin. Unter diesem Deckmantel trifft sie sich mit dem Musical-Darsteller Kevin Tarte, mit Rocko Schamoni, mit Hugh Grants Synchronsprecher Patrick Winczewski und sogar mit dem FDP-Abgeordneten und Mitglied des europäischen Parlaments Alexander Nuno Pickart Alvaro. Alle Interviews hat die Autorin Anne Hansen tatsächlich mit den männlichen Protagonisten geführt.

Vom Scheitern lernen

Eigentlich birgt “Fräulein Jensen” dadurch großes Potenzial, unsere nach Promi-Kultur lechzende Gesellschaft ordentlich auf die Schippe zu nehmen. Ungeahnte Abgründe zwischen Schein und Sein könnten sich auftun: Hoffentlich erfährt Fräulein Jensen eine Katharsis und merkt, dass die erhofften Prinzen alle doch eher Frösche sind. Hoffentlich schafft sie es, aus der Opferrolle herauszukommen und sich zu emanzipieren. Welche Möglichkeiten für die post-feministische Literatur!

Und wie vielen Mädchen und jungen Frauen könnte Hansens Werk dazu verhelfen, sich ihr Schicksal nicht mehr von Medienträumen vorschreiben zu lassen? Wie sagt es der Synchronsprecher Winczewski so schön: “Man läuft oft einem Traum nach, den es so gar nicht gibt.”

Aber nein, das Fazit schreibt Fräulein Jensen selber. “Was habe ich daraus gemacht? Nichts.” Leider. Obwohl sie findet, dass es an den Männern liegt – der eine war ein Casanova, der andere wollte nur platonisch und ein anderer wiederum war vergeben und wollte es bleiben –, begeht unsere Protagonistin immer wieder den Fehler, sich zu sehr mit dem potenziellen Traummann zu identifizieren. Auch wenn dieser nicht im Geringsten ihrem Beuteschema entspricht.

Selber schuld?

Für den FDP-Mann würde sie sich für eine Millisekunde überlegen, FDP zu wählen. Dem TV-Koch Steffen Henssler will sie die perfekten Spaghetti Carbonara kochen – obwohl Henssler bereits eine Freundin hat. Mit Rocko Schamonis Rockstar-Lebensstil kann und will sie sich doch nicht so ganz anfreunden. Aber in den Schlaf heult sie sich auch nach dem Treffen mit ihm.

Der Autorin Anne Hansen gelingt es, deutlich zu machen, dass der Balztanz in einer Krise steckt – in Zeiten von Online-Flirts, Speed-Dating, Liebes-Shows im Reality-TV. Und dass Dates bei vielen Menschen heutzutage große Krisen auslösen. Gerade wenn man so traditionsbewusst ist wie Fräulein Jensen. Allerdings: Irgendwie ist das Fräulein auch selber schuld. Die Autorin Anne Hansen ist seit Jahren glücklich liiert. Da sollte sich das arme Fräulein Jensen vielleicht nicht wundern, dass ihre Macherin sie nicht mit offenen Karten spielen lässt. Und so steckt sie in der Klemme zwischen Wahrheit und Fiktion und wirkt damit vor allem: alles andere als attraktiv.

Publication fluter.de
Date 15-10-2010
Industry Media
Link Anne Hansen: Fräulein Jensen und die Liebe