Wenn die Rede von Alexander Kluge ist, dann von einem der wichtigsten deutschen Dokumentarfilmer der Nachkriegszeit, vom Vertreter der neuen deutschen Filmschule, vom Theoretiker und Schriftsteller, zuletzt 2009 ausgezeichnet mit dem Theodor Adorno Preis. Aber wenn man sich mit Dr. Kluge mal richtig auseinander setzt, dann merkt man sehr schnell, dass er hinter dem riesigen Gerüst der Theorie, hinter der Ernsthaftigkeit von Themen wie RAF, Marx oder Liebe eines nie aus dem Auge lässt: die Menschen. Und in seinem letzten Werk “Nachrichten aus der ideologischen Antike – Marx – Eisenstein – Das Kapital” von 2008 unternimmt Alexander Kluge eine epochale neunstündige filmische Reise durch die Geschichte des Menschen und seiner Arbeit: ein Mammutprojekt über und mit Karl Marx und seinem grundlegenden Werk, “Das Kapital” – und das gerade in einer Zeit, in der die Theorien von Marx eine Art Renaissance erfahren. Zufall oder Absicht?

fluter.de: Herr Dr. Kluge, ist Ihr letzter Film als ultimative Antwort auf die globale Banken- und Finanzkrise zu verstehen?

Alexander Kluge: 2007, als die Arbeit am Film begann, hat kein Mensch an die Finanzkrise gedacht. Es gab zwar Anzeichen – etwa die Grundstückskrise in den USA – aber mehr nicht. Den Kollaps von Lehmann Brothers hätte ich nicht vorher erzählen können. Die Wirklichkeit war schneller als unser Projekt.

Wenn nicht die Finanzkrise, was gab den konkreten Anlass? Und haben Sie die Länge von über neun Stunden geplant?

Alexander Kluge: Man kann ja nie vorher sehen, wie lang ein Film wird. 2007 kam der Anstoß auf der Frankfurter Buchmesse von meiner Verlegerin vom Suhrkamp Verlag, Ulla Unseld-Berkéwicz. Zuvor hatte ich eine kurze TV-Sendung zusammen mit dem Philosophen und Soziologen Oskar Negt. Wir erwähnten den Plan des russischen Filmemachers Sergei Michailowitsch Eisenstein, “Das Kapital” von Marx zu verfilmen, was ihm nicht gelungen war. Negt und ich wunderten uns, wie man das überhaupt verfilmen kann. Und Frau Unseld-Berkéwicz sagte einfach, dass man das jetzt wohl machen müsste! So haben also ich und meine Mitarbeiter/innen (ungefähr 40 an der Zahl) uns aufgemacht und uns langsam hineingesteigert.

Inwiefern stellt für Sie “Nachrichten aus der ideologischen Antike” eine Abkehr von Ihren früheren Werken dar?

Eine Fortsetzung mit anderen Ausdrucksmitteln, keine Abkehr. Sagen wir mal so: Es ist ja kein Film über “Das Kapital” von Karl Marx, sondern ein Film über Sergei Eisenstein, der 1929 die Absicht hatte, “Das Kapital” von Marx zu verfilmen. Das heißt, ich verehre diesen Regisseur und benutze dessen Mikroskope oder Fernrohre, um eine sehr weit von uns entfernte Erscheinung, nämlich “Das Kapital” von Marx, anzugucken.

Sie streben also eine Neuinterpretation von Marx an?

Marx ist 1818 geboren, das ist objektiv lange her. Er wäre jetzt so 190 Jahre alt. Mein Film gibt ein sehr indirektes Bild auf das Werk von Marx. Der Titel ist ja auch “Nachrichten aus der ideologischen Antike”, so ähnlich wie Pompeji vom Vesuv unter Lava gelegt wurde – wodurch auch vieles erhalten blieb –, so hat der missverstandene Marx, der Marx der Planwirtschaften, gewissermaßen die Texte des eigentlichen Marx überlagert. Anders gesagt, bewegt sich der Film in die Gegenrichtung zur neuen Marx-Schulung und besagt, dass man Marx wieder neu anfangen muss zu lesen. Eine Ermutigung, dass man Marx auf außerschulische Weise liest.

In einem Interview haben Sie einmal behauptet, man müsse Marx in die Ferne rücken. Was meinen Sie damit?

Das, was man achtet, wovor man Respekt hat, muss man in die Ferne rücken. Auf See orientierten sich die Kapitäne an den Sternen, weil sie unverrückbar sind. Wenn Strandräuber Leuchtfeuer setzen an den Küsten, damit die Schiffe stranden und sie sie ausrauben können. Das ist der Gegenpol von guter Schiffsorientierung. Etwas, was theoretisch fundiert ist, muss auch fern sein.

Aber der Blick von Alexander Kluge kann auch sehr subjektiv sein?

Meine Schwester, Alexandra Kluge, die Hauptdarstellerin aus “Abschied von Gestern”, interessiert sich beispielsweise nur für die subjektive Seite des Menschen: was sie lieben, was sie hassen. Liest man Marx von dieser subjektiven Seite, erfährt man sehr viel: Marx ist, wie alle großen Theoretiker, wie Adam Smith oder David Hume, eigentlich jemand, der etwas über die menschliche Natur erzählt. So kommt er auf die Arbeit zu sprechen, über die sich ein Mensch definiert. Das ist der Kern seines Werkes. Darauf aufbauend entwickelt er seine Theorien über das Kapital. Marx votiert nicht gegen das Kapital.

Er sagt, die Bildung von Kapital reißt erstmals die Menschen aus dem primitiven, barbarischen Zustand, aus der Trägheit heraus. Das Mittelalter ist nicht zivilisatorisch interessant, sondern die Moderne ist sehr interessant. Lediglich: Das Kapital hat keinen Sinn für Steuerung im menschlichen Sinne. Es fehlt dem Kapital etwas.

Aber es sind ja heutzutage die Eliten, die besten Absolventen, die zu so genannten Kapitänen der Industrie und Banken werden und die gerade für die Krise verantwortlich gemacht werden.

Das ist keine Frage, die Marx beschäftigt. Er würde sowieso sagen: “Nur die Intelligenz wird uns nicht retten, nicht alle Studierten zusammen.” Stattdessen würde Marx behaupten, Menschen sind eigentlich dadurch menschlich, da sie Produkte erfinden können. Diese Fähigkeit – ob in Silicon Valley oder in einer Fabrik – macht moderne Menschen aus. Und wenn sie daraus ein Selbstbewusstsein entwickeln und diese Arbeit als wertvoll achten, dann ist das ein Fundament. Hochaktuell hinsichtlich der Finanzkrise: Man kann nicht durch kleine Veränderungen im Bankengewerbe oder mittels Aufsichtsgremien die Krise lösen, sondern nur dadurch, dass man Menschen dazu verhilft, ihre Produktivität und ihr Selbstbewusstsein autonom herzustellen. Eine selbstbewusste Öffentlichkeit, das ist etwas, was Marx fordern würde.

Hat das Eisenstein wohl ähnlich gesehen?

Eisenstein war gefesselt von diesen Ideen; er hatte gerade den Film “Oktober” abgedreht. Anlässlich seines Marx-Projekts ließ er verlauten, entweder kommt etwas heraus, was die Filmkunst kritisiert, weil sie nicht fähig ist, “Das Kapital” von Marx zu verfilmen, so dass sich die Filmkunst neu auf die Beine macht, und das ist immerhin was Gutes für den Film. Oder es kommt sogar ein Film dabei heraus, der die Fragen von Marx zum Umgang mit dem Kapital zum öffentlichen Thema macht.

Und Sie gehen mit “Nachrichten von der ideologischen Antike” von der Prämisse aus, wieder den Film auf die Beine zu jagen?

Ich geh’ ganz gewiss davon aus.

Mit Verlaub, aber in Zeiten, in denen der Film immer wieder neu erfunden wird, um Marktanteile und Publikum zu erkämpfen, glauben Sie, dass ein Film wie der Ihre mit einer Länge von neun Stunden überhaupt noch Aufmerksamkeit erreicht und einen entsprechend großen Einfluss haben kann?

Das sind ja nicht 570 Minuten am Stück. Der Film ist eine Sammlung von Minutenfilmen, auch von längeren Filmen. Niemals aber fehlen die Überraschung und die Abwechslung. Die Freiheit, die wir haben, dadurch, dass online bei YouTube alles durch fünf Minuten dividierbar ist, gibt uns ein Gegenpol zu den zehn Stunden. Man kann auch häppchenweise den Film angucken, entweder auf DVD oder eben YouTube, und die Teile kombinieren. So ergeben sich für meine Arbeit zwei Entwicklungsformen, die den Film neu machen. Ich bin ganz davon überzeugt, dass diese Art von Film eine breite Zielgruppe hat. Vor allem werden jetzt Filme durch die Verbreitung von DVDs und Plattformen wie YouTube ganz anders wahrgenommen, sie sind nicht mehr an die 90-Minutengrenze gebunden. Und wie man sieht, laufen die jungen Menschen dem TV davon.

Dennoch wurde dieser Film im Kino vorgeführt.

In Wien füllte der Film das Stadtkino – zwei Mal hintereinander. Die andere Seite ist die, dass ich natürlich von allen DVD Ausgaben eine 90- bis 100-Minuten-Fassung mache.

Wie sieht die Dramaturgie eines solchen Gesamtwerks bei Ihnen aus?

Die normale Dramaturgie eines Werks ist linear, das heißt ich fange mit einer Handlung an und erzähle sie bis zum Ende. Dieser rote Faden drängt alle anderen Beobachtungen, die sich nicht auf die Handlung beziehen, aus der Geschichte heraus. Das ist im Grunde immer eine flache Art der Erzählweise. Eisenstein sagt, es gibt eine zweite Art der Verknüpfung, die er Kugeldramaturgie nennt. Das Zentrum regiert die Peripherie und das, was auf der Außenfläche der Erzählung ist, wirkt auf das Zentrum zurück. Das ist der Grundgedanke, mit dem Ovid seine “Metamorphosen” geschrieben hat vor 2.000 Jahren, wie “Berlin Alexanderplatz” von Döblin geschrieben wurde und wie Fassbinder das verfilmt hat. So ist “Die Heimat” von Edgar Reitz strukturiert, und so sind meine Filme. Heute kann das Internet auch neue Gattungen bilden, die so funktionieren. Das ist nicht selbstverständlich, aber das Internet lässt diese Konstellationsform zu und fördert sie geradezu.

Im Film kommen eine Vielfalt kultureller Zitate vor, die alle gewisse Assoziationen mit sich bringen.

Es ist ja nicht kulturell gedacht. Es ist Musik. Ein Teil unseres Hirns reagiert seit 500.000 Jahren auf Musik. Wahrscheinlich war erst die Musik da, dann kam die Sprache. Und wir haben noch was im Hirn, was ich persönlich nicht beherrsche, aber bewundere: Mathematik. Die verwenden wir gar nicht, trotzdem regiert sie unsere Welt wie auch den Kosmos. Alles, was wir heute machen – selbst die Finanzkrise –, beruht auf Mathematik. Diese zweite Sprache benutzen wir nicht. Und nur eine dritte, die Umgangssprache, die Poesie, mit der gehen wir um. Und diese Begriffssprache, mit der theoretische Bücher geschrieben sind, die verdient es, dass Musik die Theorien auflöst in Gefühl.

Warum
lassen Sie Helge Schneider das Ganze mit Umgangssprache würzen?

Beziehungsweise den Witz hinzufügen. So wie Pfeffer und Salz braucht man Witz.

Trotz der Ernsthaftigkeit eines Themas wie “Das Kapital” hat Humor großen Stellenwert in all Ihren Werken?

Ich kann nur ermuntern, Humor in meinen Werken zu sehen und gut zu finden. Übrigens ist der Witz von Helge Schneider auch sehr raffiniert, sehr vielschichtig und theoretisch äußerst fundiert.

Wie sehen Sie sich persönlich? Als Erzähler? Dokumentarfilmer? Künstler? Oder Essayist?

Erzählen ist eine sehr gute Eigenschaft. Die anderen Begriffe können Sie alle streichen. Erzählen heißt auf lateinisch “legere”, nämlich “sammeln”. Die Brüder Grimm würde ich höher achten als Rilke, da er nur das erzählt, was er selber denkt. Die Brüder Grimm finden außerdem das heraus, was die Großmütter (also die anderen) zu erzählen wissen und legen es poetisch und sorgfältig auf Lager. Denen haben wir immerhin die Klugheit der Märchen zu verdanken.

Herr Dr. Kluge, herzlichen Dank, dass Sie sich für das hier auf fluter.de in gekürzter Form erschienene Interview Zeit genommen haben!

Publication fluter.de
Date 15-10-2009
Industry Media
Link Alexander Kluge: Das Kapital