Welch fruchtbarer Boden für die Kanzlerrede am 8. März, denn gerade zwei Wochen vor Kohls Auftritt in Heidelberg wird zum zweiten Mal in seiner Entstehungsgeschichte das ECBS (das europäische Collegium für Bewußtseinsstudien) in derselben Stadt getagt haben. Könnte dies der Auftakt eines „Paradigma Shifts“ sein? CDU goes Acid-House und die Bewußtseinsforschung, die Hand in Hand mit der Erforschung psychoaktiver Substanzen verläuft, nimmt die Züge einer ernstzunehmenden Wissenschaft an. Wenn ja, dann werden „Veranstaltungen“ dieser Art nicht mehr alle drei Jahre, sondern jedes Jahr stattfinden müssen.

2. Internationaler Kongreß des Europäischen Collegiums für Bewußtseinstudien (ECBS)

(Stadthalle Heidelberg; 22. bis 25. Februar 1996)

Wie sehr die Bewußtseinsforschung in den Kinderschuhen steckt, beweist nämlich der interdisziplinäre Charakter dieser Wissenschaft. Daß Fachleute aus den Bereichen Chemie, Psychotherapie, Psychologie, Pharmakologie, Philosophie, Psychiatrie, sowie aus den Bereichen der Kunst und der Musik eingeladen werden müssen, um ihre Definition des Bewußtseins und der Bewußtseinserweiterung zu erläutern, ist das beste Indiz dafür. Aus diesem gegenseitigen Lernprozeß leiten sich die thematischen Schwerpunkte des diesjährigen Kongresses ab: die Erforschung der Wirkung psychoaktiver Substanzen, der sinnvolle Einsatz dieser Mittel (z.B. der Gebrauch von LSD in der psycholytischen Therapie oder die Ketamintherapie zur Behandlung des Alkoholismus), die von dem ehemaligen LSD-Experten Stanislav Grof eingeleitete Suche nach alternativen Mitteln – „wenn ich zwei Werkzeuge habe mit denen ich arbeiten kann, dann ist es immer besser als das eine auf das ich angewiesen bin!“ -, die Frage nach der Aufklärung derer, die Grenzerfahrungen machen wollen. Wer soll dazu befähigt sein, psychedelische Drogen zu sich zu nehmen? Wer soll die Verantwortung für solche Grenzerfahrungen übernehmen? Wer soll aufklären dürfen? Wer darf darüber entscheiden?  Der Psychologe, der Therapeut, der erfahrene Psychonaut, der Politiker etwa?

Fragen, auf die es noch keine vollständigen Antworten gibt, die nicht in vier Tagen ergiebig beantwortet werden können, die aber die Dringlichkeit dieser Forschungsansätze beleuchten. Konsens wurde gefunden bei der Tatsache, daß Psychoaktiva eine unentbehrliche Rolle spielen in der Psychotherapie und, daß der Mensch ein instinktives Verlangen nach Ekstase pflegt. Das lehren uns die Urvölker und ihre Schamanen, die mittels diverser Stimulationen, seien es Rauschmittel, seien es rhythmische Stimulationen oder die Kontrolle des Atmens, einen Kollektiv-Trance bzw. Ekstase auslösen konnten. Und an diesem Punkt greift die Diskussion über auf das moderne Schamanen-Phänomen: Techno. Positiv zu betrachten sind die Annäherungsversuche zwischen Wissenschaft und (Straßen-)Praxis, sowie ein Appell für ein Ende der von Medien und Politikern angespornten Schwarz-Weiß-Malerei. Wegen Unkenntnis nimmt die Diskussion allerdings negative Züge an.

Da hilft es nicht, wenn ein Dr. Christian Rätsch, als einer der wenigen Technokundigen dieses Kongresses, behauptet, daß „Techno ohne MDMA unvorstellbar sei.“ Da hilft es auch nicht, wenn Ferdinand Mitterlehner an Hand von Analysen beweisen will, daß ein Großteil der Techno-Anhänger dem Milieu der Arbeitslosigkeit zustrebt; weiterhin kontra-produktiv die Ausschliessung kompetenterer Techno-Berater wie Hans Cousto (Autor des Buches „Vom Urkult zur Kultur“) und Nicholas Saunders („E for Ecstasy“ & „Ecstasy and the Dance Culture“) wegen Mangel an akademischen Referenzen.

Denn eigentlich ist Techno  eine Erscheinungsform, die im Rahmen eines Kongresses wie „Welten des Bewußtseins“ besser verstanden werden kann, nur müssen die wahren Spezialisten zu Wort kommen dürfen. Das ist nun Aufgabe der nächsten Versammlung des ECBS. Es ist jedenfalls, wie Dr. Rätsch sagte, „kultur-anthropologisch gesehen, sehr interessant, solche Bewegungen mitverfolgen zu dürfen.“

Frontpage – 04/1996